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Computerspiele, TikTok und Handy: Womöglich das Beste, was deinem Kind gerade passieren kann
Bevor du empört den Kopf schüttelst, erzähle ich dir eine Geschichte, und ich bitte dich, sie bis zum Ende zu lesen
Ich arbeite mit Jugendlichen, die sich zurückziehen, keine Lust mehr auf Schule haben, stundenlang in ihren Zimmern sitzen und von ihren Eltern kaum noch erreicht werden, und ich erlebe dabei immer wieder, wie wenig Erwachsene davon verstehen, was in diesen jungen Menschen vor sich geht. Ich meine das nicht böse, ich möchte nur, dass wir aufhören, ständig am Jugendlichen herumzudoktern, denn unsere Jugend ist nicht verloren, uns Erwachsenen ist lediglich die Übersetzung ihrer Welt abhandengekommen.
Eltern erkläre ich ähnliche Zusammenhänge wieder und wieder: weshalb Druck nicht mehr wirkt, warum manche Jugendliche auf Belohnungen überhaupt nicht reagieren und weshalb ein Spiel oder ein Feed womöglich das Einzige ist, worauf sie sich an einem Tag noch freuen. Deshalb schreibe ich diese Beiträge, damit du verstehst, was hinter einem Verhalten stecken könnte, bevor du versuchst, es zu ändern, denn wer begreift, was sein Kind erlebt, erreicht oft etwas, das mit Strafen, Handyverboten und der nächsten gut gemeinten Familienaktivität nie geklappt hat.
Lies die folgende Geschichte deshalb bitte nicht als Geschichte, sondern schlüpf in die Haut des Menschen, der darin vorkommt, und versuche wirklich zu fühlen, wie es wäre, an seiner Stelle zu liegen. Erst danach sprechen wir über dein Kind.
Das Krankenzimmer
Du liegst schwer krank in einem Krankenhausbett, die Ärzte setzen sich zu dir und erklären, dass deine Aussichten schlecht stehen, und du bist verzweifelt, was sonst, denn du willst leben, hinausgehen, Freunde treffen, jemanden umarmen, noch einmal ans Meer fahren und morgens mit Vorfreude auf den Tag aufwachen. Du fragst deine Ärzte, was du tun kannst, welche Behandlungen es gibt und was du selbst beitragen kannst, hörst aber statt Antworten vor allem, wie schlecht deine Lage ist. Du rufst deine Familie an und bittest um Hilfe, sie erzählt dir, wie schwierig alles geworden ist, wie schlecht das Gesundheitssystem arbeitet und wie viele Menschen trotz Behandlung sterben, ein Freund berichtet von einem Bekannten mit derselben Krankheit, der gestorben ist, ein anderer meint, man könne heute ohnehin niemandem mehr vertrauen, und du wolltest Hoffnung und bekommst Angst.
Dann beginnt der eigentliche Albtraum, denn jeden Morgen geht die Tür deines Zimmers auf, zwei Pfleger schieben ein weiteres Bett herein, in dem ein Mensch kurz vor dem Sterben liegt, du siehst seine Angst, hörst seine Schmerzen und erlebst, wie seine Angehörigen weinen, bis sie ihn wieder hinausschieben, und noch bevor du dich erholen kannst, rollt das nächste Bett herein, mit dem nächsten sterbenden Menschen, der nächsten verzweifelten Familie und der nächsten Geschichte darüber, wie furchtbar ein Leben enden kann. So geht es morgen weiter und übermorgen, du kommst nicht einmal mehr in Ruhe zum Frühstück, bis du irgendwann nur noch die Decke über den Kopf ziehen willst, nichts mehr hören, nichts mehr sehen, mit niemandem mehr sprechen und hoffen, dass es endlich still wird.
An einem dieser Morgen steht jemand an deinem Bett, schaut dich an und sagt: „Jetzt reicht es aber langsam, du kannst doch nicht den ganzen Tag hier herumliegen, andere Menschen kämpfen auch, du musst endlich aufstehen und etwas aus deinem Leben machen, du hast ja überhaupt keine Motivation mehr.“
Sag mir ehrlich, ob du an diesem Morgen die Decke zurückschlagen und mit Begeisterung in den Tag starten würdest, oder ob du dir wünschst, dass dich endlich alle in Ruhe lassen.
Genau so kann sich die Welt für einen Jugendlichen anfühlen
Dein Kind liegt natürlich nicht im Sterben, das Krankenzimmer ist ein drastisches Bild und keine Beschreibung aller Jugendlichen, aber überleg einmal, was an einem einzigen Tag über das Handy in einem Kinderzimmer ankommen kann: ein Krieg am anderen Ende der Welt, ein Video von einer Gewalttat, ein Bericht über steigende Preise, ein Politiker, der vor der nächsten Wirtschaftskrise warnt, die Schlagzeile, dass künstliche Intelligenz Millionen Berufe verändern wird, Bilder von Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, eine Meldung über Umweltkatastrophen, die Prognose, dass sich junge Leute wohl nie ein eigenes Haus leisten werden, und gleich danach ein Video, in dem ein Zwanzigjähriger vor seiner Villa verspricht, dass jeder reich werden kann, der sich nur genug anstrengt. Das alles passiert innerhalb weniger Minuten, während der Jugendliche auf dem Bett sitzt und einfach weiterwischt.
Wenn ich ein Kinderzimmer betrete, fühle ich mich oft wie im Urlaub in einem fremden Land. Ich sehe lachende Gesichter, höre Begeisterungsrufe, spüre, dass etwas Spannendes passiert, und verstehe trotzdem kein Wort, weil Wörter wie Feed, Reel, Streak oder Cringe aus einer Sprache stammen, die ich nie gelernt habe, und die meisten davon sind nicht einmal Deutsch, sondern Englisch oder eine Jugendsprache, die sich ständig weiterentwickelt. Wer im Urlaub ist, hat zwei Möglichkeiten: Er redet in der eigenen Sprache immer lauter weiter, oder er lernt ein paar Vokabeln und fragt, was etwas bedeutet, und die Einheimischen freuen sich fast immer, wenn jemand es versucht. Genau so begegne ich Jugendlichen, und deshalb bekommst du hier die wichtigsten Wörter für dieses Thema erklärt, ganz am Ende des Beitrags dazu ein kleines Wörterbuch.
Der Feed ist der endlose Strom aus Videos, Bildern und Beiträgen, der sich automatisch nachlädt, solange man weiterwischt. Der Algorithmus ist ein Rechenverfahren, das aufzeichnet, was jemand ansieht, wie lange er hinschaut und worauf er reagiert, und ihm daraufhin immer mehr von dem zeigt, was ihn gefesselt hat. Die Grundlage dafür sind Daten, also die Informationen, die bei jeder Nutzung entstehen, etwa was angeklickt wird, wie lange etwas läuft und was geteilt oder kommentiert wird. Ein Reel oder TikTok Video ist ein kurzer Film von wenigen Sekunden bis etwa einer Minute, und Doomscrolling nennt man das endlose Weiterwischen durch schlechte Nachrichten, obwohl sie niemandem guttun. Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube sind darauf ausgelegt, Menschen möglichst lange zu halten, und weil der Algorithmus blitzschnell lernt, was uns empört, erschreckt oder neidisch macht, bekommen wir davon immer mehr. Schon Erwachsene mit Lebenserfahrung durchschauen das schlecht, und ein Teenager erlebt es mitten in der Phase, in der er herausfinden soll, wer er überhaupt ist, während vieles, was dort läuft, nicht stimmt oder bewusst zugespitzt wird, weil Aufregung Aufmerksamkeit erzeugt. Einordnen kann das nur, wer Zeit und Übung dafür hat.
Früher hatten schlechte Nachrichten Feierabend
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Nachrichten zu bestimmten Uhrzeiten im Fernsehen liefen, natürlich gab es auch damals Kriege, Gewalt, Wirtschaftskrisen und Umweltkatastrophen, doch sie steckten nicht den ganzen Tag in meiner Hosentasche, wir sahen die Sendung, und irgendwann war sie zu Ende. Heute kann ein Jugendlicher rund um die Uhr auf das Leid der Welt zugreifen und sieht gleichzeitig, wie andere in seinem Alter aussehen, was sie besitzen, wie beliebt sie angeblich sind und wie erfolgreich ihr Leben schon verläuft. Hat er mit fünfzehn Schwierigkeiten in Mathematik, erklärt ihm auf dem Handy gerade jemand im selben Alter, wie er sein erstes Geld verdient hat, fühlt er sich in seinem Körper unwohl, scrollt er an hunderten perfekt ausgeleuchteten, bearbeiteten Körpern vorbei, und ist er unsicher, ob er irgendwo dazugehört, sieht er in Echtzeit, wie andere ohne ihn feiern, reisen und lachen. Dazwischen laufen Krieg, Wirtschaftskrise und Zukunftsangst, und mich wundert weniger, dass manche junge Menschen überfordert sind, als dass so viele von ihnen durchhalten.
Nicht jeder Jugendliche erlebt die Medien so, viele nutzen sie kreativ, selbstbestimmt und ohne größere Probleme, doch bei denen, die sich immer weiter zurückziehen, lohnt es sich, diese Möglichkeit ernst zu nehmen.
Was für eine Zukunft verkaufen wir ihnen eigentlich?
Wenn wir selbst ständig darüber reden, wie teuer alles geworden ist und wie düster die Zukunft aussieht, dürfen wir uns nicht wundern, dass junge Menschen nicht vor Begeisterung hüpfen. Wir erklären ihnen, dass sie fleißig lernen müssen, um später einen guten Beruf zu bekommen, im nächsten Gespräch, dass künstliche Intelligenz viele dieser Berufe verändern wird, wir raten ihnen zu sparen und seufzen im selben Atemzug, dass sich Eigentum ohnehin kaum noch jemand leisten kann, wir fordern Vertrauen in die Zukunft und schimpfen abends beim Essen, dass alles bergab geht. Bei unseren Kindern kommt im Kern an: Streng dich an, aber rechne nicht damit, dass es etwas bringt.
Danach fragen wir sie, warum sie keine Ziele haben, und ich frage zurück, woher diese Ziele kommen sollen, wenn die Zukunft hauptsächlich als Bedrohung beschrieben wird. Jugendliche übernehmen keineswegs jede Ansicht ihrer Eltern, aber wir Erwachsenen dürfen uns trotzdem einmal selbst zuhören, und würdest du dich auf ein Leben freuen, über das ständig nur schlecht gesprochen wird?
Schule, Schlaf und der Vagusnerv
Ein normaler Schultag bedeutet mehrere Stunden Unterricht, verschiedene Fächer, Prüfungen, Hausaufgaben, sozialen Druck und die Erwartungen von Lehrern und Eltern, dazu kommen Streit in der Klasse, die Sorge, etwas Falsches zu sagen, oder eine Nachricht, die jemand über dich verbreitet hat. Früher konnte man nach der Schule wenigstens räumlich Abstand zu vielen Konflikten gewinnen, heute laufen Klassenchats, Vergleiche und Auseinandersetzungen auf dem Smartphone bis in die Nacht weiter. Ich behaupte nicht, dass Schule früher leicht war oder dass Kinder heute grundsätzlich weniger Konzentration besitzen, doch die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit ist gewaltig gewachsen, und Aufmerksamkeit ist keine unendliche Ressource. Wer ständig unterbrochen wird, schlecht schläft, sich sorgt und innerlich angespannt ist, kann schwerer lernen, was wir Erwachsenen selbst kennen, denn nach einem anstrengenden Tag schaffen wir oft keine halbe Seite Lektüre und sollten uns ausmalen, wir müssten morgen darüber eine Prüfung schreiben.
Unser Körper reagiert auf Belastung mit erhöhter Alarmbereitschaft, das Herz schlägt schneller, die Muskelspannung verändert sich, und die Aufmerksamkeit richtet sich auf mögliche Gefahren, was als Schutzmechanismus hervorragend funktioniert, solange danach Erholung folgt. Hier spielt der Vagusnerv eine wichtige Rolle, einer der bedeutendsten Nerven des parasympathischen Nervensystems, das für Erholung und Beruhigung zuständig ist, und er ist unter anderem an der Regulation von Herzfrequenz und Verdauung beteiligt und hilft dem Körper, nach einer Belastung wieder zur Ruhe zu kommen. Hält die Belastung über längere Zeit an und kommt die Erholung zu kurz, können Schlaf, Stimmung, Aufmerksamkeit und Belastbarkeit leiden. Damit wir uns richtig verstehen, hat nicht jeder Jugendliche, der Computerspiele spielt oder morgens schwer aus dem Bett kommt, ein Problem mit dem Vagusnerv, denn unser Körper lässt sich nicht auf einen einzigen Schalter reduzieren, hier spielen Erfahrungen, Schlaf, Belastungen, Beziehungen, körperliche Gesundheit und die Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, zusammen. Manche Jugendliche sind aber nicht unkonzentriert, weil sie sich nicht anstrengen wollen, sondern weil ihr Körper im Dauerbetrieb läuft und ihr Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist, und Rückzug kann der Versuch sein, wenigstens einen Teil dieser Anforderungen auszuschalten.
Warum Handy, TikTok und Spiele plötzlich so guttun
Ich möchte eine Lanze brechen, nicht für grenzenloses Zocken, also Spielen am Computer oder Handy, und nächtelange Bildschirmzeit, wenn Schule, Schlaf und Gesundheit leiden, sondern für die Frage, weshalb diese Bildschirme für dein Kind gerade so wichtig sind. Ein Spiel bietet eine Welt, in der es einen Plan gibt, in der du weißt, was zu tun ist, Rückmeldung bekommst, Fehler korrigieren darfst, ohne dass sie etwas über deinen Wert aussagen, und am Abend warten Freunde, die dich im Team brauchen. Ein TikTok Feed liefert etwas anderes, nämlich Ablenkung, Lachen, Trends, die alle kennen, den Moment, in dem man mitreden kann, und vor allem eine Pause vom Nachdenken.
Wer den ganzen Tag Erwartungen erfüllt und Nachrichten verdaut, greift abends nach dem, was zuverlässig Erleichterung bringt, und das Handy ist immer zur Stelle, Rettungsring und Wasserschlauch zugleich, weil es die Sorgen der Welt zeigt und im selben Moment den Ausweg anbietet. Hier liegt auch die Falle, denn der Algorithmus will uns halten, und wer sich ständig nur ablenkt, findet nie heraus, was draußen auf ihn wartet. Ein Handyverbot hilft deshalb ebenso wenig wie ein Dauerfreibrief, es braucht Verständnis, denn wer ein Gerät wegnimmt, nimmt womöglich den einzigen Ort weg, an dem sein Kind gerade Luft bekommt.
Frag nicht nach der Bildschirmzeit, frag nach dem Gefühl
Eltern wissen meist genau, wie viele Stunden ihr Kind am Handy sitzt, aber selten, was dort passiert, und noch seltener, wie es sich danach fühlt. Frag dein Kind einmal, was ihm sein Feed heute gezeigt hat und wie es sich nach einer halben Stunde Scrollen fühlt, aufgekratzt, leer, müde, besser oder schlechter, und frag aus echter Neugier und nicht, um etwas zu verbieten. Damit übt es eine Fähigkeit, die auch Erwachsene dringend brauchen, nämlich zu spüren, was ein Medium mit einem macht, und nichts macht ein Gespräch glaubwürdiger als ein Erwachsener, der zugibt, dass der Sog ihn selbst erwischt, wenn er abends in den Nachrichten versinkt. Frag außerdem, welche Kanäle ihm guttun, bei wem er etwas gelernt hat und welche Leute er gern ansieht, denn zwischen all dem Lärm steckt erstaunlich viel Gutes, und wer es zu finden lernt, scrollt anders.
Andere Fragen als die üblichen
Ein Sechzehnjähriger ringt gerade darum, herauszufinden, wer er ist, die Welt verändert sich schneller, als wir mitkommen, und trotzdem fragen wir ihn, was er einmal werden möchte, und sind enttäuscht, wenn er „Keine Ahnung“ antwortet, obwohl das oft die ehrlichste Antwort ist, die er gerade geben kann. Probier stattdessen andere Fragen aus: Was macht dir momentan Spaß, gibt es etwas, das du gern ausprobieren würdest, wann hast du zuletzt etwas gemacht, bei dem du die Zeit vergessen hast, und was müsste draußen passieren, damit du freiwillig wieder mehr erleben möchtest? Solche Fragen führen zu Gesprächen, die uns weiter bringen als die hundertste Diskussion darüber, wann endlich das Handy ausgeschaltet wird.
Mehr Möglichkeiten statt mehr Druck
Ein Jugendlicher, der gerade keine Lust auf Sportverein, Wanderung oder Familienfeier hat, kommt mit kleineren Schritten eher in Bewegung, etwa wenn ihr gemeinsam etwas repariert, ein Geschäft besucht, das ihn interessiert, oder einen Freund einladet, und irgendwann darf er dir zeigen, was ihn an einer App, einem Kanal oder einem Spiel so fasziniert, ohne dass daraus eine Erziehungsmaßnahme wird. Probiert außerdem ein Experiment aus, bei dem an einem Abend alle das Handy weglegen, ihr Erwachsenen zuerst, und beobachtet, was passiert, denn Kinder lernen von Eltern, die vorleben, was sie verlangen, deutlich mehr als von Regeln. Sammelt zusätzlich gemeinsam Geschichten, die Mut machen, über Menschen, die etwas bewegen, über Erfindungen, über Projekte, die junge Leute gestartet haben, damit im Kopf deines Kindes nicht nur die Schreckensbilder des Feeds wohnen.
Motivation entsteht nicht dadurch, dass jemand anderes ein besonders gutes Angebot vorbereitet, denn wir Menschen wollen selbst Einfluss auf unser Leben haben, erleben, dass wir etwas können, und dazugehören, und wer das in einem Alltag wiederfindet, hat Lust, mehr davon zu holen.
Wann du genauer hinschauen solltest
Verlässt ein Jugendlicher über längere Zeit kaum noch sein Zimmer, verweigert die Schule, schläft kaum, kümmert sich nicht mehr um sich selbst oder zeigt keine Freude mehr, nimm das bitte ernst, denn dahinter können Depressionen, Ängste, Mobbing, Schlafstörungen, erhebliche Überforderung oder andere gesundheitliche Probleme stecken, und dann braucht es eine fachliche Abklärung und therapeutische Unterstützung. Ein Spiel oder ein Feed kann in solchen Phasen kurzfristig Halt geben, ersetzt aber keine notwendige Behandlung, und nicht jeder Jugendliche, der schweigt, möchte einfach in Ruhe gelassen werden, manchen fehlen schlicht die Worte für das, was in ihnen vorgeht, und gerade dann sollten Erwachsene aufmerksam bleiben, ohne jede Begegnung in einen Machtkampf zu verwandeln.
Zurück ins Krankenzimmer
Erinnerst du dich an den Menschen im Krankenbett, an die Geschichten, die ihm Angst gemacht haben, an die Berichte über Menschen, denen es noch schlechter ging, und an den Moment, in dem jemand vor seinem Bett stand und verlangte, er solle sich endlich zusammenreißen? Jetzt geht die Tür wieder auf, doch diesmal schiebt niemand ein weiteres Bett herein, es kommt kein neuer Schrecken mit, ein Mensch setzt sich einfach zu dir, fragt, ob du etwas trinken möchtest, erzählt dir etwas Schönes, das draußen passiert ist, hört dir zu, ohne alles besser wissen zu wollen, und sagt irgendwann: „Ich weiß nicht, wie alles ausgehen wird, aber ich würde gern mit dir schauen, was heute möglich ist.“
Du musst dafür nicht sofort aufstehen, nicht plötzlich voller Hoffnung sein und nicht einmal viel reden, aber für einen Moment entsteht das Gefühl, dass draußen noch jemand ist, der sich für dich interessiert, und eines Tages fragst du von selbst, was ihr heute machen könnt. Genau darum geht es mir, denn es geht darum, dass ein junger Mensch wieder etwas findet, wofür er selbst aufstehen möchte, und dafür braucht er womöglich Unterstützung, Zeit oder professionelle Hilfe, vor allem aber Menschen, die ihm nicht ständig erklären, wie schwierig die Welt ist, sondern auch zeigen, was an ihr schön sein kann.
Unsere Jugend lebt in einer außergewöhnlichen Zeit mit Möglichkeiten, von denen wir früher nicht einmal träumen konnten, und sie braucht Erwachsene, die ihr helfen, diese zu erkennen. Wenn du das nächste Mal vor dem Kinderzimmer stehst und dich ärgerst, weil dein Kind schon wieder am Handy hängt, denk an das Krankenzimmer und stell dir eine andere Frage als sonst, nämlich nicht „Wie bekomme ich mein Kind endlich da heraus?“, sondern:
Was erlebt mein Kind dort drinnen, das ich bisher überhaupt nicht verstanden habe?
Das kann der Anfang einer ganz anderen Begegnung sein, und die Tür geht irgendwann wieder auf, nicht weil du sie aufgebrochen hast, sondern weil dein Kind Lust bekommen hat, nachzusehen, was draußen noch alles auf es wartet.
Kleines Wörterbuch für Eltern
Damit du beim nächsten Abendessen nicht nur nickst, sondern mitreden kannst, hier der Sprachführer fürs Kinderzimmer mit den wichtigsten Wörtern, kurz übersetzt.
Scrollen: Das ist das Wischen mit dem Daumen von unten nach oben, eine Art Dauerstreicheln des Handys, bei dem man nie ankommt und trotzdem ständig unterwegs ist.
Story: Ein Foto oder Video, das nach 24 Stunden wieder verschwindet, sozusagen der Schneemann des Internets, der nur einen Tag lang steht.
Follower: Menschen, die jemandem folgen, was sich harmlos anhört, aber bedeutet, dass ein Kind zum Beispiel mehr Fremde hinter sich hat als ein Bürgermeister Wähler.
Influencer: Jemand, der vom Handy lebt und dessen Gesicht deinem Kind vertrauter sein kann als der eigene Onkel, weil er jeden Tag zu Besuch kommt, ohne je Kuchen zu essen.
Trend und Challenge: Wenn plötzlich alle denselben Tanz oder Spaß machen, ähnlich wie früher am Pausenhof, wo auch keiner zugeben wollte, dass er das neue Klatschspiel nicht kann.
Streak: Eine Serie von Tagen, an denen man jemandem täglich schreibt, ein Dauerlauf, bei dem man nicht ausfallen darf, sonst gilt die Freundschaft für manche als gefährdet.
Cringe: Das Gefühl des Fremdschämens, wenn etwas so peinlich ist, dass man das Handy am liebsten in die Hand der Eltern legen würde, was ironischerweise oft der Fall ist, wenn sie es versuchen.
FOMO: Die Abkürzung für „Fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen, ein Gefühl, das jeder kennt, der schon einmal gesehen hat, dass die anderen ohne ihn im Wirtshaus sitzen.
Discord: Eine Plattform, auf der sich Spieler per Sprache und Text unterhalten, quasi das Wirtshaus für Gamer, in dem man den ganzen Abend sitzt, ohne ein Bier zu bestellen.
Lootbox: Eine virtuelle Wundertüte in Spielen, die man mit echtem Geld kaufen kann und deren Inhalt man erst danach sieht, also genau das, was wir früher am Kirtag eine Glückstüte nannten, nur ohne Kaugummi.
Lost: Jugendsprache für ahnungslos, wenn etwas nicht verstanden wird, wie im Satz „Papa ist komplett lost“, was zum Glück nur ein vorübergehender Zustand ist, wenn man nachfragt.
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