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Die gute alte Zeit hat noch Zukunft
„Früher war alles besser.“ Diesen Satz höre ich immer wieder, und jedes Mal frage ich mich, ob wirklich alles besser war oder ob wir etwas vermissen, das damals ganz selbstverständlich zu unserem Leben gehört hat. Es können die Gespräche am Küchentisch sein, die Nachbarin, die einfach vorbeikam, oder
das Gefühl, sich auszukennen, gebraucht zu werden und seinen Platz zu haben. Wenn du das vermisst, kann ich es gut verstehen, ich glaube aber nicht, dass daraus folgt, die gute Zeit deines Lebens liege hinter dir.
Warum die Erinnerung so schön ist
Die Alternsforschung kennt dafür einen Mechanismus. Die Psychologin Laura Carstensen beschreibt in ihrer sozioemotionalen Selektivitätstheorie, dass Menschen mit zunehmendem Alter ihre Aufmerksamkeit stärker auf Positives richten und Erfreuliches besser behalten als Belastendes. Wir erinnern uns an einen Sommer im Garten und weniger an die Sorgen, die wir damals mit nach draußen genommen haben. Die schönen Erinnerungen bleiben dadurch wahr, der Vergleich mit heute fällt aber zugunsten der Vergangenheit aus, weil die Gegenwart mit all ihren Mühen daneben steht.
Ein Leben voller Übergänge
Wenn du heute 60 oder 70 bist, hast du in einem einzigen Leben außergewöhnlich viele Veränderungen miterlebt. Als Kind hast du draußen gespielt, mit anderen ein Baumhaus gebaut und bist nach Hause gegangen, wenn es Abend wurde, ohne dass dir jemand eine Nachricht schicken konnte, um zu fragen, wo du bleibst. Wer jemanden treffen wollte, ging hin oder verabredete sich vorher. Musik kam aus dem Radio oder vom Plattenspieler, später von selbst aufgenommenen Kassetten, und mit dem Walkman konnte sie plötzlich mit dir spazieren gehen. Das Telefon hatte seinen festen Platz in der Wohnung, und ein Gespräch bedeutete oft, dass alle anderen im Haus mithörten.
Dann kam das Handy. Anfangs hast du vielleicht gesagt, so etwas brauchst du nicht, bis du unterwegs jemanden erreichen konntest oder die kurze Nachricht „Bin gut angekommen“ bekommen hast, und so wurde aus dem Fremden nach und nach etwas Vertrautes. Beim Internet verlief es ähnlich, denn plötzlich ließ sich eine Reise vom Wohnzimmer aus planen, ein alter Schulfreund wiederfinden und Wissen abrufen, für das man früher jemanden kennen musste. Heute siehst du dein Enkelkind, auch wenn es weit weg wohnt, und findest ein Lied wieder, das du seit Jahrzehnten nicht gehört hast.
Künstliche Intelligenz kennenlernen
Jetzt ist die künstliche Intelligenz da, wieder mit neuen Begriffen, bei denen man zuerst denkt, ob man das nun auch noch verstehen muss. Ich finde, du darfst sie in deinem Tempo kennenlernen, mit deinen Fragen und mit deiner Skepsis, und weil du schon so viele Übergänge gemeistert hast, musst du auch bei diesem nicht vor der Tür stehen bleiben. Die Forschung stützt diese Haltung, denn das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter lernfähig, und die Lancet-Kommission zur Demenzprävention zählt unter den beeinflussbaren Risikofaktoren neben geringer Bildung auch soziale Isolation auf.
Diese Entwicklung hat Schattenseiten, weil ein Bildschirm für sich genommen noch keine Nähe schafft und man mit vielen Menschen verbunden sein kann, ohne sich weniger einsam zu fühlen. Wie gewichtig das ist, zeigt eine Auswertung von 148 Studien durch Julianne Holt-Lunstad und ihr Team aus dem Jahr 2010, nach der Menschen mit stabilen sozialen Beziehungen eine um rund 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hatten als Menschen mit wenigen Kontakten. Wenn Gespräche durch Nachrichten ersetzt werden und sich jeder zurückzieht, geht also etwas verloren, das wir brauchen, weshalb ich die Möglichkeiten dieser Zeit nutzen und die Begegnung dabei behalten möchte.
Wer bin ich, wenn niemand etwas braucht
Im Gespräch mit älteren Menschen beschäftigt mich noch etwas anderes: Viele haben ein Leben lang gearbeitet, organisiert, Kinder großgezogen, Angehörige versorgt und dafür gesorgt, dass es irgendwie weitergeht, und ihre Zugehörigkeit war oft eng damit verbunden, etwas zu leisten und gebraucht zu werden. Die Gerontologie spricht beim Übergang in den Ruhestand von einem Rollenverlust, der Identitätsfragen aufwirft. Wenn die Aufgaben weniger werden, fühlt sich die neue Freiheit deshalb manchmal seltsam leer an, man hat endlich Zeit, weiß zunächst nicht, was man damit anfangen soll, und fragt sich, wer man ist, wenn man nicht mehr jeden Tag für jemanden zuständig ist.
Ich sehe darin eine der großen Möglichkeiten dieses Lebensabschnitts, denn du kannst herausfinden, was dich interessiert, wenn gerade niemand etwas von dir braucht. Du kannst etwas lernen, eine Geschichte aufschreiben, Menschen kennenlernen, mit denen du anders sprichst als bisher, oder einen Nachmittag genießen, ohne ihn dir vorher durch Arbeit verdient zu haben.
Wenn der Körper schon so viel getragen hat
Für mich kann das ein goldenes Alter sein, und dazu gehört der Körper. Es gibt weiterhin Sorgen, körperliche Grenzen und Dinge, die wehtun, und ein Körper mit Schmerzen beeinträchtigt laut Psychologie Denken und Gefühle maßgeblich. Die Schmerzforschung beschreibt, dass anhaltende Schmerzen Aufmerksamkeit, Stimmung und Gedächtnis beeinflussen können, weshalb Rückzug oder Müdigkeit manchmal dort ihren Ursprung haben. Deshalb arbeite ich mit Bioelektrik, besonders gern mit älteren Menschen, deren Körper schon so viel getragen hat, dass er endlich eine Art Hilfe bekommen darf. Die feinen Impulse laden zu Entspannung und besserer Körperwahrnehmung ein, und wenn der Körper ruhiger wird, bleibt wieder mehr Raum für Gespräche, Freude und Neues. Eine ärztliche Abklärung ersetzt das nicht, es ergänzt sie um eine Zuwendung, die dein Körper nach so vielen Jahren verdient. Deine Erfahrung bleibt dabei wertvoll, auch wenn du sie gerade niemandem zur Verfügung stellst.
„Klar KI 60 plus“: gemeinsam ausprobieren
Für Kopf und Neugier biete ich meine „Klar KI 60 plus“-Workshops an. Wir sitzen zusammen, probieren aus, stellen Fragen und lachen über das, was zunächst nicht funktioniert. Dabei entsteht manchmal die Idee für eine Reise, du findest Worte für einen Brief oder beginnst, Erinnerungen für deine Familie festzuhalten, und du gehst mit dem Gefühl nach Hause, dir diese neue Welt durchaus noch erschließen zu können.
Ein zuversichtlicher Blick
Die Welt baut gerade um, was ich manchmal anstrengend und gleichzeitig unglaublich spannend finde. Wir erleben so viele unterschiedliche Abschnitte des Lebens, vom Telefon im Vorzimmer bis zu einer Technik, der wir heute eine Frage stellen können, und ich frage mich, wie viel Veränderung eigentlich in ein Menschenleben passt. Ich bin dankbar, genau in dieser Zeit zu leben, und für mich ist die Welt ein zuversichtlicher Ort, an dem ich Schwierigkeiten sehe, aber auch Möglichkeiten, Begegnungen und vieles, das wir noch gestalten können.
Die gute alte Zeit darf ihren Platz behalten, und daneben darf die Neugierde sitzen. Der Nachmittag, an dem du heute etwas zum ersten Mal ausprobierst, wird irgendwann selbst eine schöne Erinnerung
sein, im Moment liegt er noch vor dir. Diese Welt ist noch immer ein verdammt guter Ort, um darin zu leben.