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Hey Oldies, jetzt beginnt euer goldenes Zeitalter

Ein Liebesbrief an alle, die in Pension sind oder bald hingehen, samt einer Entschuldigung für den Hochmut meiner Generation

Hey Oldies, ihr habt jetzt Pension, also Füße hoch, Fernseher an und den Jungen nicht länger im Weg stehen, ihr habt ja eh genug geleistet, oder?

Hast du bei diesem Satz die Augenbrauen hochgezogen, freut mich das, denn genau so denkt meine Generation oft über eure, mit einer Mischung aus gut gemeinter Schonung und ziemlich viel Abwertung. Ich gebe zu, dass ich selbst lange so gedacht habe, ohne es zu merken, und das war typisch jüngere Generation, es war Hochmut, und ich entschuldige mich ausdrücklich dafür. Inzwischen bin ich 43 Jahre alt, habe sehr viele von euch kennengelernt und bin zu einer völlig anderen Erkenntnis gekommen: Wer in Pension geht, steht nicht am Ende einer Geschichte, sondern mitten in einem Kapitel, das die meisten von uns gewaltig unterschätzen.

Dieser Text ist für dich geschrieben, wenn du in Pension bist, kurz davorstehst oder dich fragst, was nach dem letzten Arbeitstag eigentlich kommt, denn wer heute in Pension geht, hat oft noch zwei Jahrzehnte vor sich, und das ist eine Menge Zukunft. Du erfährst hier, weshalb ich mich auf meine eigene Pension jetzt schon freue, was ein alter Hund mit deinem Selbstwert zu tun hat und welche Frage du demnächst deinem Nachbarn stellen wirst, sobald du ein bisschen mutig bist.

Der Feierabend deines Lebens

Ja, ich freue mich auf meine Pension, ich weiß, dass das bei manchen Kopfschütteln auslöst, aber ich stelle mir diese Zeit wie einen richtig schönen Feierabend vor. Du kennst das: Du hast den ganzen Tag gearbeitet, Entscheidungen getroffen, dich angestrengt, dich geärgert und dich um Menschen gekümmert, und irgendwann kommst du heim, ziehst die Schuhe aus und weißt, dass für heute alles erledigt ist. Du setzt dich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon, gehst noch spazieren, triffst jemanden oder tust gar nichts und genießt, dass niemand etwas von dir will. Genau so sieht für mich der dritte Lebensabschnitt aus, mit dem Unterschied, dass dieser Feierabend nicht ein paar Stunden dauert, sondern mit etwas Glück viele wunderbare Jahre.

Wenn ich mit älteren Menschen spreche, begegnet mir allerdings oft eine Traurigkeit, die sich hinter einem Lächeln oder einem beiläufigen Satz versteckt: „Mich braucht ja eh keiner mehr.“ „Ich bin ja nur noch Pensionistin.“ „Früher habe ich wenigstens noch etwas geleistet.“ Besonders schmerzhaft finde ich den Satz „Ich bin zu nichts mehr gut“, weil da ein Mensch vor mir sitzt, der vierzig oder fünfzig Jahre gearbeitet, Kinder großgezogen, Angehörige gepflegt, Rechnungen bezahlt und Krisen überstanden hat, tausende Male müde aufgestanden ist und trotzdem weitergemacht hat, und dieser Mensch glaubt ernsthaft, er sei weniger wert, weil morgens kein Chef mehr anruft.

Wer bist du ohne Leistung?

Wir haben als Gesellschaft über Jahrzehnte gelernt, den Wert eines Menschen an seine Leistung zu koppeln, wer gearbeitet, verdient, organisiert und funktioniert hat, galt als wertvoll, und wer vierzig Jahre lang so geprägt wurde, fühlt sich nach dem letzten Arbeitstag nicht automatisch befreit, sondern oft überflüssig. Die Psychologie kennt das gut, denn berufliche und familiäre Rollen werden im Lauf des Lebens zu einem Teil unserer Identität, wir sagen ich bin Lehrer, ich bin Krankenschwester, ich bin Unternehmer, ich bin Mutter, und fallen diese Rollen weg, taucht eine unbequeme Frage auf: Wer bin ich eigentlich, wenn ich das alles nicht mehr bin?

Meine Antwort darauf lautet, dass du kein Stück weniger geworden bist, nur weil niemand mehr eine Leistung von dir verlangt. Du bist derselbe Mensch mit all deinen Erfahrungen, deinen Erinnerungen, deinem Humor, deinen Eigenheiten und deiner Geschichte, und du darfst jetzt womöglich zum ersten Mal herausfinden, wer du bist, wenn du niemandem mehr etwas beweisen musst.

Was ein alter Hund über deinen Wert verrät

Stell dir einen Hund vor, der seit vielen Jahren an deiner Seite ist, der früher mit dir durch den Wald gelaufen ist, Stöckchen geholt und vor Freude gebellt hat, wenn du heimkamst, und der jetzt alt ist, länger zum Aufstehen braucht, schlechter hört und viel mehr schläft. Du würdest ihn nicht aussortieren und sagen, er bringe dir ja gar nichts mehr, du würdest seine Decke näher zur Heizung legen, langsamer mit ihm gehen und dich freuen, wenn er den Kopf auf deinen Schoß legt, und womöglich sähest du ihn sogar liebevoller an als früher, weil du weißt, wie viele Jahre ihr gemeinsam verbracht habt.

Sein Wert liegt nicht darin, wie schnell er noch laufen kann, er liegt in eurer gemeinsamen Geschichte, und deshalb frage ich dich, warum wir im Alter mit uns selbst oft weniger liebevoll umgehen als mit einem alten Hund und über uns sprechen, als wären wir wertlos geworden, nur weil wir körperlich langsamer sind oder beruflich nicht mehr gebraucht werden.

Was du jetzt alles darfst

Stell dir vor, du wachst morgen auf und musst nichts mehr leisten, kein Pausenbrot für die Kinder, keine feste Uhrzeit im Büro, kein Vorgesetzter, dem du es recht machen willst, und kein Wochenende, das du zum Nachholen aller liegengebliebenen Dinge verbrauchst. Du hast Feierabend, und wenn du ihn als Beginn einer neuen Freiheit betrachtest, kannst du morgens ins Kaffeehaus gehen und Menschen beobachten, was ich übrigens liebe, weil man dabei an einem einzigen Vormittag unglaublich viel entdeckt. Du kannst einen Kurs besuchen, nur weil dich das Thema reizt, Italienisch lernen, ohne je eine Prüfung abzulegen, malen, fotografieren, in einem Chor singen oder herausfinden, wie künstliche Intelligenz funktioniert, und merkst du nach drei Wochen, dass Italienisch doch nichts für dich ist, hörst du eben auf, denn aus einem Hobby muss keine Karriere werden.

Wie viele Jahrzehnte haben wir damit verbracht, Dinge zu tun, weil sie notwendig waren, und jetzt darfst du fragen, was du gern tun würdest, wenn nichts mehr notwendig sein muss.

Ein ehrlicher Zwischenruf

Bevor ich zu begeistert werde, muss ich etwas klarstellen, denn ich bin 43 und weiß nicht, wie es ist, mit 78 aufzuwachen und vor Schmerzen kaum aus dem Bett zu kommen, nach fünfzig gemeinsamen Jahren allein am Frühstückstisch zu sitzen, mit einer Pension zu leben, die gerade für das Notwendigste reicht, oder tagelang mit niemandem zu sprechen, weil die Kinder weit weg wohnen. Ich werde dir deshalb nicht erzählen, dass du dich einfach freuen musst und dann alles gut wird, denn das Alter kann körperlich, finanziell und emotional enorm fordern, Krankheiten nehmen Freiheit, Verluste lassen sich durch keinen Spaziergang ersetzen, und es gibt eine Einsamkeit, bei der der Gang zum Supermarkt zur einzigen Begegnung des Tages wird.

Gerade deshalb möchte ich darüber sprechen, was innerhalb dieser Lebensphase trotzdem möglich ist, denn zwischen einem schweren Leben und einem Leben ohne Möglichkeiten liegt ein großer Unterschied.

Dein Kopf funktioniert noch nach den alten Regeln

Hätte dir vor vierzig Jahren jemand erzählt, dass du eines Tages nicht mehr arbeiten musst, trotzdem ein regelmäßiges Einkommen beziehst und morgens selbst entscheidest, wann du aufstehst, du hättest „Das wäre ja traumhaft!“ gesagt. Jetzt ist es so weit, und manchmal sitzt du da und fühlst dich trotzdem nicht gebraucht, weil dein Kopf nach den alten Regeln arbeitet: Die Anstrengung ist in vielen Bereichen weggefallen, die innere Überzeugung, dass du dich anstrengen musst, um etwas wert zu sein, ist geblieben. Sobald du einen Nachmittag auf einer Parkbank verbringst, meldet sich das schlechte Gewissen mit dem Satz, du solltest eigentlich etwas Sinnvolles tun, und ich frage dich ernsthaft, wer das heute noch von dir verlangt, denn ein Tag darf einfach schön sein.

Ebenso gern höre ich auf, wenn Menschen sich einreden, für Neues zu alt zu sein, denn Sätze wie „Diese Technik ist nichts für mich“ oder „Das sollen die Jungen machen“ stimmen so nicht. Lernen, Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit verändern sich mit dem Alter, manche Dinge brauchen mehr Zeit, und nicht jeder bringt dieselben Voraussetzungen mit, aber unser Gehirn bleibt auch im höheren Alter lernfähig, wir können Fähigkeiten entwickeln, Gewohnheiten verändern und neue Verbindungen zwischen Erfahrungen herstellen. Du lernst womöglich nicht mehr so schnell wie ein Zwanzigjähriger, dafür bringst du etwas mit, das er noch gar nicht haben kann, nämlich ein ganzes Leben an Erfahrung. Du hast schon mehr als einmal geglaubt, etwas nicht zu schaffen, und es dann doch geschafft, und deshalb sehe ich keinen Grund, weshalb ausgerechnet jetzt Schluss sein sollte.

In Österreich gibt es kostenlose Angebote zur digitalen Weiterbildung, unter anderem Workshops für ältere Menschen zu Smartphone, digitalen Amtswegen und künstlicher Intelligenz, und auch in meinen Kursen „Klar KI 60 plus“ sitzen Menschen, die diese Welt nicht verstehen müssen, um sie mitzugestalten. Es kann gut sein, dass du dort neben jemandem sitzt, der genauso wenig weiß wie du, ihr lacht über eure ersten Versuche, trinkt danach gemeinsam einen Kaffee, und schon hast du jemanden kennengelernt. Die Zukunft wird gerade neu gebaut, und sie wird besser, wenn ihr daran mitbaut.

Wir Jungen brauchen euch, aber anders, als ihr denkt

Wir leben in einer Welt, in der unglaublich viel gleichzeitig passiert, wir haben tausende digitale Kontakte und fühlen uns trotzdem allein, wir sprechen mit Menschen auf anderen Kontinenten, kennen aber kaum unsere Nachbarn, und wir lassen uns von künstlicher Intelligenz komplizierte Zusammenhänge erklären und finden manchmal keine Worte, um einem traurigen Menschen zu begegnen. Genau hier tragt ihr etwas Wertvolles bei. Lebenserfahrung allein macht zwar niemanden automatisch weise oder verständnisvoll, aber viele von euch haben Menschen über Jahrzehnte begleitet, kennen Abschiede, Versöhnungen und jene stillen Momente, in denen man einfach füreinander da ist.

Möglicherweise kennst du dich mit künstlicher Intelligenz nicht aus, aber du weißt, wie man einem Menschen zuhört, der gerade den Boden unter den Füßen verliert, wie viel eine Umarmung verändern kann und wie gut es tut, wenn sich jemand an deinen Geburtstag erinnert. Die Entwicklungspsychologie zeigt, wie bedeutsam liebevolle, verlässliche Zuwendung schon für Babys ist, und diesen Bedarf an Beziehung verlieren wir nie. Du musst uns nicht die ganze Welt erklären, es reicht, wenn du uns ein Stück von deiner erzählst.

Die Milch beim Nachbarn

Ich bringe immer wieder zwei Menschen miteinander ins Gespräch, die seit Jahren im selben Haus wohnen, sich im Stiegenhaus oder beim Einkaufen begegnen, und irgendwann sagt einer von beiden: „Ich habe mir schon so oft gedacht, dass ich gern einmal mit dir reden würde.“ Der andere antwortet: „Mir geht es genauso, ich habe mich nur nie getraut.“ Zwei Menschen, die einander jahrelang Gesellschaft hätten leisten können, sind allein geblieben, weil einer Angst hatte, lästig zu sein, und der andere dachte, es interessiere ohnehin niemanden.

Mein ungewöhnlicher Vorschlag lautet deshalb: Wenn du einen sympathischen Nachbarn kaum kennst, frag ihn nach einer Tasse Milch, auch wenn du selbst noch welche im Kühlschrank hast. Noch schöner wäre es, ganz ehrlich zu sagen: „Ich sehe dich so oft im Haus und würde dich gern einmal kennenlernen.“ Das ist keineswegs peinlich, und selbst wenn daraus nur ein Gespräch von fünf Minuten wird, freut sich dein Gegenüber womöglich den ganzen Tag darüber, dass jemand Interesse gezeigt hat.

Dafür lohnt es sich, kleine Inseln zu schaffen, also Orte, an denen du dich auskennst, an denen dich Menschen wiedererkennen und an denen du nicht jedes Mal von vorn beginnst, ein Kaffeehaus, in dem du zweimal in der Woche frühstückst, eine Parkbank, auf der du regelmäßig dieselben Gesichter triffst, ein Chor, eine Bibliothek, eine Kirchengemeinde, eine Spaziergruppe, ein Ehrenamt oder der Markt, auf dem du mit den Menschen an den Ständen ins Plaudern kommst. Aus einem Gruß wird ein Gespräch, aus einem Gespräch eine Verabredung, und irgendwann gehörst du dazu, statt nur vorbeizukommen. Gerade wenn dir die große Welt manchmal zu schnell, zu laut und zu kompliziert geworden ist, darfst du dir eine eigene schaffen, in der du dich wohlfühlst, und andere hineinlassen.

Wenn der Körper nicht mehr mitspielt

In meiner Praxis begegnen mir ältere Menschen mit einem Wunsch, der mich nachdenklich macht: „Ich möchte einfach wieder aufstehen können, ohne dass mir alles wehtut.“ Wenn wir jünger sind, träumen wir von Haus, Reise, Erfolg oder einem neuen Auto, und irgendwann ist der größte Wunsch, morgens ohne Schmerzen aus dem Bett zu kommen. Ich kenne dieses Alter selbst noch nicht, ich kann zuhören und verstehen wollen, mehr nicht.

In meiner Praxis arbeite ich unter anderem mit Bioelektrik, bei der elektrische Impulse über spezielle Elektroden an den Körper abgegeben werden. Manche ältere Menschen erzählen mir danach, dass sie sich entspannter oder beweglicher fühlen oder ihre Beschwerden geringer erleben, was mich jedes Mal freut. Ein Heilungsversprechen möchte ich daraus nicht machen, denn wie viel eine Anwendung hilft, hängt von der Ursache der Beschwerden ab, und bei anhaltenden Schmerzen gehört eine medizinische Abklärung dazu.

Mich beschäftigt an diesen Begegnungen besonders, wie manche Menschen über sich selbst sprechen: „Ich bin halt schon alt.“ „Da kann man nichts mehr machen.“ „Jetzt geht es sowieso nur noch bergab.“ Der Körper verändert sich selbstverständlich, und nicht jede Beschwerde lässt sich durch eine andere Einstellung beeinflussen, doch wer aus Angst vor Schmerzen kaum noch hinausgeht, verliert nach und nach Bewegung, Kontakte und Selbstvertrauen, und daraus kann ein Kreislauf entstehen, der das Leben zusätzlich einengt. Wähle deshalb, was zu deinem Körper passt, eine kleine Runde statt des langen Spaziergangs, Bewegung im Sitzen statt des Tanzkurses, Unterstützung oder ein Hilfsmittel, wo es nötig ist. Es muss nicht mehr alles so laufen wie mit vierzig, und trotzdem ist heute noch einiges möglich, das wir gern gemeinsam entdecken.

Die Angst vor dem Alter ist oft größer als das Alter

Wir verbinden das Älterwerden häufig mit Verlust, mit schwindender Kraft, mit Menschen, die wir hergeben müssen, mit Rollen, die sich verändern, und mit dem Gedanken, dass vor uns wahrscheinlich weniger Lebensjahre liegen als hinter uns, und diese Angst vor Krankheit, Abhängigkeit, Geldsorgen und Einsamkeit ist verständlich. Nicht jede Vorstellung vom Alter entspricht allerdings der Wirklichkeit, denn nicht jeder Mensch wird einsam, nicht jeder verliert seine geistige Beweglichkeit, und nicht jeder erlebt die Pension als Beginn eines unaufhaltsamen Niedergangs. Ein Teil der Angst stammt daher, wie wir gesellschaftlich über ältere Menschen reden, als wären sie irgendwann nur noch eine Belastung, und genau diese Haltung habe ich zu Beginn dieses Textes selbst vorgeführt.

Wer hat eigentlich festgelegt, dass man mit 75 keine neuen Freunde finden darf, mit 80 nichts mehr lernt und die Lebensfreude davon abhängt, wie viele Jahre noch bleiben? Ich würde das Alter lieber als einen Lebensabschnitt betrachten, in dem sich verändert, wie man am Leben teilnimmt, etwas langsamer, mit mehr Pausen und mit einer Aufmerksamkeit, für die früher kaum Zeit war.

Mach dir den Abend schön

Ich stelle mir den Feierabend des Lebens wie einen Abend vor, von dem man weiß, dass irgendwann die Nacht kommt, und trotzdem setzt man sich nicht schon am Nachmittag ins Dunkle, man macht sich ein Licht an, richtet einen schönen Platz her, lädt jemanden ein und geht irgendwann müde schlafen, und bis dahin darf der Abend schön sein. Du hast unglaublich viel erlebt, Verantwortung getragen und vermutlich mehr geleistet, als dir heute bewusst ist, und du musst deine Pension nicht optimieren, kein besonders aktiver oder engagierter Pensionist sein, damit dein Leben wertvoll ist, du darfst auch einfach in Ruhe Kaffee trinken, solange du diese Ruhe nicht mit Resignation verwechselst und weiter nach Menschen Ausschau hältst, neugierig bleibst und Neues ausprobierst, selbst wenn du nicht weißt, ob du gut darin sein wirst.

Du darfst dich langsamer bewegen, ohne dich dafür zu entschuldigen, du darfst dich über etwas freuen, das du noch nie gemacht hast, jemanden kennenlernen, dich verlieben, eine neue Freundschaft schließen, eine Meinung ändern, die du fünfzig Jahre lang vertreten hast, Gott Fragen stellen, auf die du noch keine Antwort gefunden hast, mit achtzig über etwas lachen, das du mit vierzig gar nicht komisch fandest, und einen Tag verbringen, ohne dass am Abend etwas erledigt sein muss. Ich glaube, dass darin eine unglaubliche Freiheit liegt, denn dein dritter Lebensabschnitt könnte die erste Zeit sein, in der du nicht hauptsächlich für Eltern, Kinder, Arbeitgeber oder die Erwartungen anderer lebst, sondern ein bisschen mehr für dich selbst, mit dem Bewusstsein, dass auch dein Leben Aufmerksamkeit verdient.

Ich freue mich auf meinen Feierabend und auf den Tag, an dem ich aufwache und weiß, dass ich nichts mehr leisten muss, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich werde trotzdem arbeiten, schreiben, Neues lernen, Menschen treffen und mich mit Themen beschäftigen, die mich interessieren, aber dann hoffentlich, weil ich es will. Mit achtzig Jahren sitze ich womöglich in einem Kaffeehaus, sehe zwei Menschen am Nebentisch, die sich noch nicht kennen, und denke mir, dass die beiden gut zusammenpassen würden, stehe auf, bringe sie ins Gespräch und trinke danach gemütlich meinen Kaffee weiter. Ich finde, das klingt nach einem richtig schönen Leben.

Du bist nicht fertig mit dem Leben, du bist fertig mit einem langen Teil deiner Pflichten, und genau deshalb beginnt jetzt etwas, worauf du dich freuen darfst.

Willkommen im Feierabend deines Lebens. Mach ihn dir schön.

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