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Ich bin noch da, und ich habe noch etwas vor
Neulich hörte ich einen Satz, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: „In meinem Alter zahlt sich das nicht mehr aus.“ Es ging um eine Reise, es hätte aber genauso um einen Sprachkurs gehen können, um eine neue Wohnung oder um die Frage, ob man sich noch einmal verlieben darf, und der Satz fiel ganz nebenbei, während der Kaffee eingeschenkt wurde, so als wäre das längst entschieden und als gäbe es irgendwo eine Stelle, die ab einem bestimmten Geburtstag keine Zukunft mehr genehmigt. Ich hätte gern zurückgefragt, für wen es sich nicht mehr auszahlt und wie viel Zeit ein Mensch denn noch haben müsste, damit ein schöner Tag seinen Wert bekommt.
In meinem Arbeitsalltag mit älteren Menschen begegnet mir dieser Gedanke immer wieder, manchmal wird er ausgesprochen und manchmal steckt er in einem Schulterzucken, ein Wunsch taucht im Gespräch auf und wird sofort wieder zurückgenommen, weil man dafür zu alt sei, weil man das jetzt auch nicht mehr brauche oder weil man es früher gern gemacht hätte. Mich beschäftigt dieses „früher“ besonders dann, wenn mir ein Mensch gegenübersitzt, der beim Erzählen richtig lebendig wird, der ziemlich genau weiß, wohin er noch einmal fahren möchte oder was ihn interessieren würde, und der diesem Wunsch trotzdem keinen Platz mehr in seinem Leben zutraut.
Natürlich hat das Gründe. Wenn der Rücken schmerzt, die Hüfte beim Aufstehen streikt und eine schlechte Nacht die nächste ablöst, vergeht die Lust am Planen, und ein Ausflug beginnt mit Fragen, die andere gar nicht stellen müssen, wie weit man gehen muss, ob es unterwegs eine Bank gibt, ob man den Rückweg schafft und wie es einem am nächsten Tag gehen wird. Wer Schmerzen hat, trägt diese Überlegungen durch den ganzen Alltag, und irgendwann wird sogar eine schöne Einladung zur zusätzlichen Aufgabe, man sagt zuerst einmal ab, dann öfter, die anderen fragen seltener, und der eigene Radius wird kleiner, ohne dass man das je so beschlossen hätte.
Ich glaube, wir unterschätzen, was das mit einem Menschen macht, denn wer vieles nicht mehr selbstverständlich tun kann, verliert auch ein Stück Vertrauen in sich selbst, man wird vorsichtiger, möchte niemanden aufhalten und niemandem Umstände machen und sitzt am Ende allein zu Hause, obwohl man eigentlich gern dabei gewesen wäre.
In meiner Praxis kommen diese Themen mit auf die Liege. Die Menschen, die zur Bioelektrik zu mir kommen, bringen ihren Körper mit und das Leben, das sie darin führen, ihre Beschwerden, ihre Erschöpfung, ihre Erfahrungen und manchmal auch eine Enttäuschung darüber, wie sich das Älterwerden tatsächlich anfühlt. Man hatte sich auf freie Zeit gefreut, auf Reisen, auf Ruhe, auf Tage ohne Verpflichtungen, und jetzt beansprucht der Körper einen großen Teil der Aufmerksamkeit, und der Kalender ist zwar voll, aber mit Terminen, die man sich anders gewünscht hätte. Wir reden während der Behandlung manchmal darüber, manchmal ist einfach Ruhe, und niemand muss etwas leisten oder erklären oder sich besonders tapfer zeigen.
Was mich dabei immer wieder berührt, ist der Moment, in dem ein Gesicht weicher wird und in den Augen plötzlich wieder ein Strahlen auftaucht, ein Mensch beginnt lebhafter zu erzählen, es kommt ein Lächeln, eine Frage, ein Gedanke an etwas Schönes, und ich sehe, wie viel da noch ist, obwohl vorher vor allem die Müdigkeit zu sehen war. Was jemand bei der Bioelektrik erlebt, ist ganz individuell, sie ersetzt keine medizinische Abklärung und keine Behandlung beim Arzt, aber wenn mir Menschen sagen, dass sie sich wohler fühlen und wieder mit Interesse auf ihr Leben schauen, bedeutet mir das sehr viel.
Diese Begegnungen inspirieren auch mich selbst. Ich habe schon gedacht, ich hätte doch alles erledigt, viel gearbeitet, aufgebaut, erlebt und manches hinter mir gelassen, was solle jetzt noch kommen, und dann liegt ein Mensch vor mir, dessen Blick auf einmal wieder lebendig wird, und ich merke, wie voreilig meine eigene Rechnung war. Wir wissen so wenig darüber, was uns noch begegnen wird, und tun trotzdem manchmal, als könnten wir den Rest schon überblicken.
Das ist womöglich eine der schwierigeren Seiten des Älterwerdens, dass man vieles kennt und daraus schließt, es könne einen nichts mehr überraschen, man kennt die eigenen Gewohnheiten, die Schwächen der anderen, den Verlauf bestimmter Gespräche, und das gibt Sicherheit, kann aber auch dazu führen, dass man etwas gar nicht erst versucht. Eine neue Bekanntschaft wird beurteilt, noch bevor man miteinander gesprochen hat, ein Kurs klingt anstrengend, eine Reise lohnt sich angeblich nicht mehr, und eine Sehnsucht wird mit dem Satz erledigt, man müsse schließlich vernünftig sein, wobei es durchaus sehr vernünftig sein kann, etwas zu tun, worauf man sich freut.
Im letzten Drittel des Lebens wird Zeit kostbarer, auch wenn niemand weiß, ob er tatsächlich schon dort angekommen ist, denn die Endlichkeit rückt näher an den Alltag heran, Menschen sterben, die lange zum eigenen Leben gehört haben, man bleibt in der Todesanzeige am Geburtsjahr hängen, und ein Ort, an dem man früher gemeinsam war, hat plötzlich jemanden weniger. Manche sprechen offen darüber, andere streifen das Thema kurz und wechseln zu etwas Praktischem, und ich verstehe beides, weil es eine große Frage ist, was mit uns geschieht, wenn wir dieses Leben verlassen, und weil hinter der Angst vor dem Tod oft etwas sehr Konkretes steckt, die Sorge vor Schmerzen, vor Abhängigkeit, vor dem Alleinsein oder die Angst, Abschied nehmen zu müssen, obwohl man noch so gern bleiben würde.
Solche Gedanken möchte ich nicht mit einem freundlichen Satz wegschieben. Hat jemand Angst, darf sie zuerst einmal ausgesprochen werden, manches lässt sich klären und vorbereiten, man kann über Wünsche reden, Unterstützung organisieren und medizinische Begleitung besprechen, und manches bleibt auch nach einem guten Gespräch offen.
Mein eigener Blick auf den Tod hat sich durch meinen Glauben verändert, ich freue mich darauf, irgendwann bei Gott zu sein, ganz ehrlich, der Gedanke, bei ihm anzukommen, hat für mich etwas Schönes. Den Termin würde ich trotzdem gern ihm überlassen, denn ich habe hier noch einiges vor, ich möchte Menschen begegnen, lachen, lieben und sehen, was aus meinen Ideen wird. Gleichzeitig glaube ich, dass mein Leben bei Gott aufgehoben ist, auch das Unfertige darin, ich muss bis dahin nicht jedes Rätsel lösen und aus jeder schmerzhaften Erfahrung noch eine brauchbare Erkenntnis ziehen. Ob ich im Angesicht des Todes Angst hätte, weiß ich nicht, denn Glaube macht einen Menschen nicht unempfindlich für Abschied und Schmerz, aber in meiner Vorstellung wartet dort jemand, auf den ich mich freue, und das gibt mir Vertrauen und macht die Zeit hier auf eine ruhige Weise kostbar.
Ich glaube, das wir beides haben dürfen, Frieden mit unserer Endlichkeit und Freude an dem, was noch vor uns liegt, und dafür müssen die Pläne zu unserem heutigen Leben passen. Eine Reise darf kürzer sein als früher, ein Ausflug darf Pausen brauchen, man darf sagen, dass man gern kommt, wenn einen jemand abholt, und man darf nach zwei schönen Stunden heimgehen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Besonders Menschen, die ihr Leben lang für andere gesorgt haben, fällt das manchmal schwer, denn sie waren immer diejenigen, die gefahren, getragen, vorbereitet und geholfen haben, und jetzt selbst etwas zu brauchen fühlt sich ungewohnt an, dabei kann Hilfe genau das ermöglichen, was man vermisst, nämlich dabei zu sein.
Mich interessiert deshalb nicht nur, was jemand nicht mehr kann, ich möchte auch wissen, was ihm fehlt, wofür er sich interessiert, ob es einen Menschen gibt, den er gern sehen würde, einen Ort, an den er zurückmöchte, oder etwas, das bisher immer warten musste. Diese Frage braucht manchmal Zeit, denn wer jahrzehntelang wusste, was die Familie braucht, weiß nicht automatisch, was er selbst möchte, und wenn die Aufgaben weniger werden, wirkt die freie Zeit zunächst leer, man hat lange auf sie gewartet und sitzt nun mittendrin, ohne zu wissen, womit man anfangen soll.
Man kann mit etwas ganz Alltäglichem beginnen, mit einer regelmäßigen Verabredung, mit dem Handy, das man so zu benutzen lernt, dass es Freude macht, mit dem Aufschreiben der eigenen Geschichte oder mit einem Kurs, in dem man niemanden kennt, oder man gesteht sich ein, dass man gern noch einmal verliebt wäre, denn der Wunsch nach Nähe verschwindet nicht mit einem bestimmten Geburtstag, man möchte weiterhin gesehen werden, berührt werden und jemandem etwas bedeuten, und darüber dürfen wir ebenso selbstverständlich reden wie über Blutdruck und Gelenke.
Wir dürfen auch älter sein, ohne uns dafür ständig mit besonderer Jugendlichkeit zu entschuldigen. Du darfst langsamer geworden sein, du darfst deine Jahre im Gesicht tragen und trotzdem Lust auf etwas Neues haben, und niemand verlangt, dass du dafür erst wieder so wirst wie früher. Wenn ich die Menschen in meiner Praxis ansehe, denke ich oft daran, wie viel hinter einem müden Gesicht liegen kann, Humor, Neugier, ein genauer Blick und eine Geschichte, die ich noch nicht kenne, und manchmal zeigt sich das erst, wenn jemand Zeit bekommt und merkt, dass ihm wirklich zugehört wird.
Dann fällt gelegentlich ein Satz wie „Eigentlich würde ich gern noch einmal …“, und genau da höre ich besonders gern hin, weil in diesem Satz schon ein Stück Zukunft liegt. Es kann sein, dass es dafür Unterstützung braucht oder dass die Idee kleiner werden muss, damit sie möglich wird, womöglich reicht zunächst ein Anruf, aber der Wunsch ist da, und er verdient es, ernst genommen zu werden.
Ein schöner Nachmittag muss nicht noch zwanzig Jahre vor sich haben, um etwas wert zu sein, er kann dir heute guttun, ein Gespräch kann dich heute berühren, und du kannst heute einen Menschen kennenlernen, mit dem du nächste Woche gern wieder Kaffee trinken möchtest. Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns bleibt, aber ich sehe immer wieder, was geschehen kann, wenn sich ein Mensch auf etwas freut, und dieses Strahlen in den Augen erinnert mich daran, auch mit meinen eigenen fertigen Urteilen vorsichtiger zu sein. Womöglich ist noch eine Reise möglich, eine Freundschaft oder ein Alltag, in dem wieder etwas vorkommt, das du gern erzählst.
Wenn du das nächste Mal denkst, es zahle sich nicht mehr aus, bleib einen Moment bei deinem Wunsch, bevor du ihn zurücknimmst, denn möglicherweise möchtest du wirklich noch dorthin, und dann sollten wir schauen, wie es gehen kann.