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„Ich hab keine Ahnung.“ Genau dort fangen wir an

Letztens habe ich mit einem Jugendlichen gesprochen, der kaum noch Motivation für irgendetwas hatte, und seine Eltern waren massiv überfordert, die Mutter weinte, der Vater wusste irgendwann auch nichts mehr zu sagen, und beide hatten alles versucht, um ihn zu erreichen, mit Gesprächen, mit Verständnis, mit Druck und vermutlich auch mit Sätzen, die sie sich eigentlich vorgenommen hatten, nie zu sagen. Wer sein Kind liebt und nicht mehr weiß, wie er ihm helfen soll, dem fällt selbst eine einfache Frage schwer, man möchte wissen, was los ist, und fürchtet gleichzeitig die Antwort oder dass wieder keine kommt.

Der Jugendliche saß vor mir, und auch für ihn war die Situation nicht leicht, denn die Sorge seiner Eltern und ihre Erschöpfung füllten den Raum, und er sollte erklären, was er selbst womöglich noch gar nicht verstand. Sein Satz lautete: „Ich hab keine Ahnung.“ Ich finde diesen Satz brauchbar, man kann damit anfangen, denn niemand muss schon eine verständliche Erklärung für sich haben, bevor wir ihm zuhören.

Genau hier setzt für mich das omnitologische Arbeiten an, bei dem ich andere Fragen stelle, als man sie aus einem klassischen psychologischen Gespräch erwartet: Was ist dir so wichtig, dass du dafür etwas in Bewegung setzen würdest, was empfindest du als gerecht, wie möchtest du mit anderen leben und welchen Platz möchtest du in einer Welt finden, die sich gerade selbst verändert? Für mich verbindet diese Arbeit Ethik, Psychologie und das Leben, wie es uns heute begegnet, mit einem Wandel, in dem wir mittendrin stehen, mit widersprüchlichen Erwartungen und einer Zukunft, die selbst Erwachsene schwer einschätzen. Solche Fragen haben auch in der Psychologie ihren Platz, im omnitologischen Arbeiten stelle ich sie bewusst in den Mittelpunkt, denn ich kann einen Jugendlichen schwer nach seiner Motivation fragen, ohne mich dafür zu interessieren, wofür er sie einsetzen möchte, was ihm sinnvoll erscheint, was er sieht, wenn er auf unsere Art zu leben schaut, und was er übernehmen oder verändern möchte. Er wächst in diese Welt hinein und darf eigene Fragen an sie haben.

Die Werteübung

Mit diesem Jugendlichen habe ich deshalb eine Werteübung gemacht, deren Ablauf ich hier erzähle, wobei die Beispiele sinngemäß gewählt sind, damit das persönliche Gespräch persönlich bleibt. Ich bat ihn, fünfzehn Dinge aufzuschreiben, die ihm wichtig sind, also was er gern macht, was ihn beschäftigt, wann er sich wohlfühlt und was er in seinem Leben haben möchte, auch wenn gerade vieles mühsam ist. Beim Wort Werte denken wir schnell an Ehrlichkeit, Verantwortung und Respekt, allesamt wichtig, doch für einen Jugendlichen, der ständig hört, was er tun sollte, kann das nach der nächsten Erwachsenenaufgabe klingen, deshalb ging es zuerst darum, seine eigenen Worte zu finden.

Werte beschreiben, was uns wichtig ist und woran wir unser Handeln ausrichten möchten, Freiheit kann einer sein, Freundschaft, Gerechtigkeit, Kreativität oder Verlässlichkeit. Früher hätten wir an manchen Stellen von Tugenden gesprochen, aber dafür sind wir inzwischen vermutlich zu modern, wir machen lieber eine Werteübung, die klingt gleich nach einem Termin, den man buchen kann. Werte und Tugenden sind übrigens nicht ganz dasselbe, und auch „Zocken“ ist zunächst eine Tätigkeit und kein Wert, es darf trotzdem auf dem Blatt stehen, weil sich von dort aus weiterfragen lässt: Was gefällt dir daran, dass du mit deinen Freunden zusammen bist, dass du besser wirst, dass du selbst entscheiden kannst oder dass du etwas schaffst und sofort merkst, dass es gelungen ist? Hinter einer Tätigkeit kann etwas liegen, das einem Menschen viel bedeutet.

Auf so einem Blatt stehen dann zum Beispiel „Freunde“, „Zocken“ und „meine Ruhe“, und ich möchte das nicht sofort in schönere Begriffe übersetzen, denn gerade „meine Ruhe“ kann viel erzählen. Dahinter kann ein Bedürfnis nach Erholung stecken, der Wunsch, selbst zu bestimmen, wann man angesprochen wird, oder das Gefühl, dass fast jede Begegnung eine Aufforderung ist, endlich anders zu sein, und wer zu schnell bewertet, erfährt davon wenig.

Standen die fünfzehn Begriffe da, sollten fünf wegfallen, was leicht klingt, bis man entscheiden muss, denn alles hat einen Grund, dort zu stehen, doch nun ging es darum, worauf er eher verzichten könnte und was ihm im Vergleich weniger wichtig ist. Zehn blieben übrig, dann sollten noch einmal fünf weg, und bei diesen letzten Entscheidungen lohnt es sich, Zeit zu lassen, weil manchmal ein Wort gestrichen und gleich zurückgeholt wird und mancher erst beim Weggeben merkt, wie viel ihm daran liegt. Am Ende könnten dort fünf Begriffe stehen wie Freundschaft, Freiheit, Zusammenhalt, etwas können und Spaß, und damit lässt sich arbeiten.

Ist Freundschaft wichtig, interessiert mich, wo dieser Jugendliche Verbindung erlebt, bei Freiheit möchte ich wissen, wo er tatsächlich mitentscheiden darf, und bei „etwas können“ frage ich, wann er zuletzt gemerkt hat, dass er in etwas gut ist, und wo er gern besser werden würde. Er erzählt dann womöglich von einem Spiel, in dem er mit Freunden Aufgaben löst, sich auskennt, gefragt wird und etwas beiträgt, und dort erlebt er, was ihm im übrigen Alltag fehlt, nämlich Zugehörigkeit, Können und Einfluss. Das erklärt nicht sein ganzes Leben, aber es öffnet einen Zugang, und irgendwann kann aus „Ich hab keine Ahnung“ ein genauerer Satz werden: „Ich will schon etwas machen, ich will nur auch wissen, was das mit mir zu tun hat.“

Hier beginnt für mich das Gespräch über intrinsische Motivation, also über einen Antrieb, den ein Mensch selbst spürt, weil ihn etwas interessiert oder ihm etwas bedeutet, und die Übung stellt diesen Antrieb nicht her, sie hilft, ihn zu entdecken und in Worte zu fassen. Plötzlich steht da etwas, wofür er morgens aufstehen möchte, ein Freund, mit dem er etwas vorhat, eine Fähigkeit, die er entwickeln will, oder eine Aufgabe, bei der er gebraucht wird und mitgestalten kann. Dann suchen wir gemeinsam einen kleinen Schritt, der dazu passt, etwas mit anderen, wenn ihm Zusammenhalt wichtig ist, oder eine konkrete Aufgabe zum Tüfteln, wenn er gern Probleme löst, und entscheidend ist, dass er selbst an der Suche beteiligt ist.

Auch hier gehören Ethik, Psychologie und Alltag zusammen, denn wir fragen nach dem, was ihm Freude macht, ebenso wie danach, wie er mit seinen Fähigkeiten am Leben anderer teilnehmen möchte, was er beitragen, welche Verantwortung er sinnvoll finden und wo er etwas verändern möchte, und solche Fragen dürfen offenbleiben und mit ihm wachsen.

Was das für Eltern bedeutet

Eltern wünschen sich verständlicherweise oft eine schnelle Veränderung, wieder aufstehen, wieder hingehen, wieder mitmachen, und wer lange in Sorge gelebt hat, dessen Geduld ist irgendwann erschöpft. Eine Werteübung löst diese Situation nicht an einem Nachmittag, sie kann aber ein Gespräch verändern, weil man gemeinsam auf etwas schaut, das dem Jugendlichen gehört, auf seine Auswahl, seine Gewichtung und seine Worte, und die Eltern erfahren dabei womöglich etwas, das sie unter all der Sorge schon lange nicht mehr hören konnten.

Die gleiche Übung mit Ängsten

Eine ähnliche Übung lässt sich mit Ängsten machen, die ich allerdings nicht „negative Werte“ nennen würde, denn eine Angst ist kein Wert, sie kann uns zeigen, was wir schützen möchten oder was uns bedroht erscheint. Man schreibt auf, was einem Sorgen macht, wählt daraus zuerst zehn und dann fünf besonders belastende aus, etwa zu versagen, ausgeschlossen zu werden oder andere zu enttäuschen, wobei niemand fünfzehn finden muss und niemand etwas erzählen muss, was er gerade nicht erzählen möchte.

Mit den verbleibenden Ängsten kann man behutsam weiterfragen, wann die Angst auftaucht, was man dann tut, was helfen würde und wer davon wissen sollte, und so wird verständlicher, weshalb jemand einer Situation ausweicht, denn wer sich vor Blamage fürchtet, bleibt lieber fern, und wer ständig fürchtet, andere zu enttäuschen, antwortet irgendwann gar nicht mehr. Solche Zusammenhänge sollten wir gemeinsam herausfinden, statt sie einem Jugendlichen überzustülpen. Bei starker Verzweiflung, Selbstverletzung oder anhaltendem Rückzug braucht es fachliche Unterstützung, die Übung kann ein Gespräch öffnen, ersetzt diese Hilfe aber nicht.

Der Moment, der mich berührt

Was mich an dieser Arbeit berührt, ist der Moment, in dem ein Jugendlicher beginnt, seine Auswahl zu erklären, ein Wort verteidigt, nachdenkt und etwas ergänzt, denn da spricht jemand darüber, was ihm wichtig ist, womöglich zum ersten Mal seit Langem, ohne dass seine Antwort gleich korrigiert wird, und die Eltern dürfen für einen Moment zuhören, ohne sofort eine Lösung finden zu müssen.

Manchmal beginnt der nächste Schritt mit einem Blatt Papier und der Frage, was man von diesen fünf Dingen wieder mehr im Alltag haben möchte, und darauf muss nicht sofort eine große Antwort kommen, es genügt, wenn er zunächst sagt: „Mit meinen Freunden etwas machen.“

Dann können wir dort anfangen.

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