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Kennst du dein Kind wirklich?

Warum sich Jugendliche zurückziehen und weshalb wir mehr mit ihnen sprechen sollten als über sie

Nach vielen Gesprächen mit Jugendlichen und ihren Eltern habe ich drei Dinge herausgefunden, die im Familienalltag wirklich etwas verändern, ohne dass dafür eine zusätzliche Stunde in einem ohnehin übervollen Tag nötig wäre. Das erste wirkt fast zu einfach, das zweite passt in jeden Alltag, und das dritte verlangt von uns Erwachsenen etwas, das wir nur ungern abgeben. Du findest sie weiter unten, und sie wirken am besten, wenn du vorher verstanden hast, was hinter der geschlossenen Zimmertür eigentlich vor sich geht. Deshalb nehme ich dich dorthin mit.

Viele Eltern kennen die Schulnoten ihrer Kinder besser als deren Gedanken, sie wissen, welches Fach gerade Schwierigkeiten macht und wie viele Stunden das Handy heute wieder in Gebrauch war, doch auf die Frage, mit welchen Menschen ihr Kind täglich online spricht, worauf es sich freut, wovor es Angst hat und was es gerade richtig gut kann, fällt die Antwort oft überraschend dünn aus. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Jugendlichen wieder aktiver werden, Freunde treffen, hinausgehen und am Familienleben teilnehmen, während wir selbst kaum Zeit finden, uns auf ihre Welt einzulassen.

Ich weiß, dass sich das unbequem anhört, und es trifft längst nicht auf jede Familie zu. Trotzdem möchte ich es aussprechen, weil wir uns intensiv damit beschäftigen, wie wir Jugendliche aus ihren Zimmern bekommen, aber selten danach fragen, was sie draußen eigentlich erwartet. Wartet dort jemand, der sich für sie interessiert, oder warten Fragen nach Hausaufgaben, herumliegender Kleidung, unerledigten Pflichten und die nächste Diskussion über Bildschirmzeit?

Ein Geständnis vorweg

Ich bin keine Mutter, und es fällt mir deshalb leicht, daherzureden. Ich habe kein Kind großgezogen, keine Nacht am Bett einer kranken Tochter verbracht und keinen Sohn durch schwierige Schuljahre begleitet. Das Gefühl, nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu kommen und dort für einen Jugendlichen zuständig zu sein, der selbst gerade zu nichts Lust hat, kenne ich nicht. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich das schaffen würde, denn wenn ich auf meinen Alltag mit seinen Aufträgen, Projekten und Verantwortungen blicke, weiß ich nicht, ob am Abend noch jene Aufmerksamkeit übrig wäre, die ein Kind verdient.

Gemeint ist damit weniger das Kochen, Terminieren oder Helfen bei den Hausaufgaben als die Fähigkeit, sich einem anderen Menschen wirklich zuzuwenden, geduldig zuzuhören und sich für etwas zu interessieren, das einen selbst vielleicht gar nicht interessiert. Ob mir das jeden Tag gelingen würde, kann ich nicht sagen. In diesem Text geht es mir deshalb um eine Frage, die inzwischen wichtiger sein könnte als jede Debatte über Handys und Computerspiele:

Wie schaffen wir es, gute Eltern zu sein, ohne uns dabei selbst zu verlieren?

Was wir Familien heute zumuten

Früher war das Familienleben keineswegs einfacher, auch damals gab es überforderte Eltern, unverstandene Jugendliche, Geldsorgen und Kinder, die emotional allein blieben, und das möchte ich nicht romantisieren. Dennoch lohnt der Blick darauf, unter welchen Bedingungen Familien heute funktionieren sollen. In vielen Haushalten arbeiten beide Elternteile, weil ein Einkommen für Miete, Lebensmittel, Versicherungen, Mobilität, Schule, Kleidung und Freizeit nicht reicht, dazu kommen berufliche Erwartungen, ständige Erreichbarkeit und die vielen unsichtbaren Aufgaben, die ein Familienleben zusammenhalten, vom Einkaufen über Rechnungen, Termine, Wäsche und Geburtstage bis zu Schulnachrichten und Zahnarztterminen.

Neben all dem sollen Eltern geduldig, verständnisvoll, emotional verfügbar und pädagogisch reflektiert sein, ihre Kinder fördern, Grenzen setzen, Selbstständigkeit zulassen, die psychische Gesundheit im Blick behalten und auch noch ihre eigenen Bedürfnisse spüren. Kommt man nach acht oder zehn Stunden Arbeit heim und der Jugendliche beantwortet die Frage nach seinem Tag mit „gut“, wird aus Sorge leicht Ärger, aus Hilflosigkeit Kontrolle und aus dem liebevollen Wunsch nach Kontakt der tägliche Satz „Jetzt komm endlich aus deinem Zimmer“. Ich kann gut verstehen, wie es dazu kommt, und gerade deshalb glaube ich, dass wir an dieser Stelle etwas verändern dürfen.

Das Zimmer, in dem niemand etwas verlangt

Stell dir einen Jugendlichen vor, der morgens aufsteht und schon weiß, dass heute wieder etwas von ihm erwartet wird. In der Schule soll er aufmerksam sein, Leistung bringen, sich unter Gleichaltrigen behaupten, wissen, was er einmal werden will, vernünftig mit Medien umgehen, seinen Körper akzeptieren, gute Freundschaften führen und möglichst keine falschen Entscheidungen treffen, und das in einer Welt, in der die Erwachsenen selbst oft überfordert und verunsichert wirken.

Im Zimmer wartet dann der Computer, an dem er sich auskennt, an dem er weiß, was zu tun ist, an dem vielleicht eine Gruppe darauf wartet, dass er online kommt, an dem er Entscheidungen trifft, Strategien entwickelt und sofort erlebt, dass sein Handeln etwas bewirkt. Draußen fühlt er sich möglicherweise erfolglos und beurteilt, im Spiel erlebt er sich als kompetent und zugehörig. Schon die Wahl des Spiels verrät dabei viel, denn wer am liebsten Strategien entwickelt, sucht oft etwas anderes als jemand, der stundenlang mit Freunden spielt, und genau daran lässt sich ablesen, was einem jungen Menschen im Alltag fehlt.

Natürlich gilt das nicht für jeden Jugendlichen, Computerspiele machen auch einfach Spaß, und nicht jeder Rückzug ist ein Problem. Zeigt ein junger Mensch allerdings kaum noch Interesse an anderem, lohnt sich der genauere Blick, und die entscheidende Frage lautet dann weniger, warum der Computer so interessant geworden ist, als warum das andere Leben gerade so wenig Anziehungskraft hat.

Was die Forschung dazu sagt

Die Motivationspsychologie kennt seit Jahrzehnten die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan, nach der Menschen drei grundlegende psychologische Bedürfnisse haben: Autonomie, Kompetenz und soziale Zugehörigkeit. Wir möchten erleben, dass wir selbst entscheiden können, dass wir etwas beherrschen und mit unserem Handeln etwas bewirken, und wir möchten uns anderen Menschen verbunden fühlen, Jugendliche genauso wie Erwachsene. Wer Jugendlichen ständig erklärt, was sie tun müssen und was sie falsch machen, versucht womöglich genau jene Selbstständigkeit zu erzwingen, die er ihnen im selben Moment nimmt.

Auch die Forschung zu problematischem Gaming und familiären Beziehungen deutet darauf hin, dass Verbundenheit und Familienklima eine wichtige Rolle spielen. Eltern tragen deshalb keineswegs die Schuld an einem problematischen Spielverhalten, denn die Zusammenhänge sind weit komplexer. Es zeigt aber, wie sinnvoll es ist, neben dem Verhalten des Jugendlichen auch die Beziehungen um ihn herum anzusehen.

Weshalb Motivieren so oft ins Leere läuft

Reagiert ein Jugendlicher kaum noch auf Strafen, bleiben ihm Belohnungen gleichgültig und löst selbst ein schöner Ausflug keine Begeisterung aus, würde ich den Druck nicht weiter erhöhen, sondern zuerst herausfinden wollen, was ihn überhaupt noch erreicht. Wofür interessiert er sich, worüber könnte er stundenlang reden, welche Spiele spielt er und was gefällt ihm daran, baut er gern etwas, löst er technische Probleme, organisiert er Dinge, braucht er Wettbewerb, zieht es ihn zu Tieren, Musik, Autos, Geschichten oder Menschen? Manchmal weiß er es selbst noch nicht, dann lässt es sich gemeinsam entdecken, ohne aus jeder Entdeckung sofort ein Förderprogramm zu machen.

Ein Interesse muss zu keiner Leistung führen und ein Hobby keinen Sinn ergeben, denn Jugendliche dürfen etwas ausprobieren, wieder verwerfen, in etwas schlecht sein und ihre Meinung ändern. Dieser innere Antrieb trägt weit länger als jeder Anreiz von außen, und er wächst dort, wo ein junger Mensch spürt, dass er schon jemand ist, bevor er etwas leistet.

Die drei Dinge, die wirklich helfen

Einer ohnehin erschöpften Mutter vorzuschlagen, sie möge ab sofort täglich eine Stunde Qualitätszeit mit ihrem Kind einplanen, halte ich für wenig hilfreich, weil eine Frau, die schon alles versucht, damit nur eine weitere Aufgabe bekommt. Die folgenden drei Punkte lassen sich deshalb in Zeit unterbringen, die ohnehin vorhanden ist.

1. Interesse zeigen, ohne anschließend etwas damit zu tun

Erzählt dein Kind von einem Computerspiel, hör zu, frag, was daran spannend ist, lass dir etwas zeigen und widerstehe der Versuchung, das Gespräch nach fünf Minuten in eine Diskussion über Bildschirmzeit zu verwandeln, auch wenn du die Probleme natürlich siehst, denn ein Gespräch darf ab und zu einfach ein Gespräch bleiben. Eine Mutter, die ihren Sohn zur Schule fährt, kann an manchen Tagen statt über Hausaufgaben zu sprechen nach seinem Lieblingslied fragen und es sich mit ihm anhören, ohne die Musik zu kommentieren. Ein Vater, der abends kocht, kann seine Tochter bitten, ihm zu zeigen, was sie auf dem Handy gerade lustig findet, und selbst wenn er den Humor nicht versteht, lacht er vielleicht trotzdem mit, weil er sie in diesem Moment wirklich erlebt.

2. Kleine gemeinsame Gewohnheiten schaffen, statt Familienprogramme zu planen

Verbindung entsteht häufig in wiederkehrenden Alltagsbegegnungen, und ein Gespräch im Auto, beim Kochen oder auf dem Weg zum Supermarkt bietet oft mehr Raum für Nähe als ein perfekt geplanter Familiennachmittag, bei dem alle das Gefühl haben, jetzt unbedingt eine schöne Zeit erleben zu müssen. Das kann ein wöchentlicher Kochabend sein, der gemeinsame Einkauf, eine Serie, die dein Kind ausgesucht hat, oder ein kurzer Spaziergang, wichtig ist, dass etwas entsteht, worauf man sich verlassen kann. Fällt es einmal aus, ist das kein Scheitern, denn Familien brauchen keine weitere Liste, an der sie ablesen, ob sie gut genug funktionieren, und auch der Jugendliche darf mitentscheiden, wann er reden möchte, weil nicht jede Einladung angenommen werden muss.

3. Dem Jugendlichen etwas zutrauen, das Bedeutung hat

Jugendliche wollen erleben, dass sie gebraucht werden und etwas können. Deshalb darf der Sohn eine technische Entscheidung treffen, bei der er sich besser auskennt, die Tochter einen gemeinsamen Ausflug planen oder ein Jugendlicher Verantwortung für etwas übernehmen, das ihm wichtig ist, als Gelegenheit, eigene Fähigkeiten einzubringen, und ohne dass daraus eine neue Pflicht wird, die mit Druck durchgesetzt wird. Eltern geben dabei bewusst Verantwortung ab, was für beide Seiten eine Entlastung sein kann, denn auch Eltern müssen nicht alles wissen, alles können und alles allein organisieren.

Auch Mütter brauchen ein eigenes Leben

Wenn wir über Jugendliche reden, sprechen wir meist darüber, was ihnen fehlt, und selten darüber, was ihren Müttern fehlt. Wann war eine Mutter zuletzt einfach eine Frau, die etwas getan hat, weil es ihr Freude machte, wann durfte sie müde sein, ohne sich zu rechtfertigen, wann hatte sie Zeit für eine Freundschaft, ein Buch, einen Spaziergang oder einen Abend, an dem niemand etwas von ihr wollte? Wo bleibt in dieser Verantwortung eigentlich der Vater? Sind beide Eltern berufstätig, muss auch die familiäre und emotionale Verantwortung gemeinsam getragen werden, gelegentliche Hilfe bei der Kinderbetreuung genügt dafür nicht, denn ein Vater ist kein zusätzlicher Mitarbeiter im Unternehmen Familie, er ist genauso verantwortlich. Wo nur ein Elternteil da ist, braucht es umso mehr verlässliche Erwachsene und Strukturen, die Familien nicht ständig an ihre Grenzen bringen.

Die Lösung für familiäre Schwierigkeiten kann nicht darin bestehen, dass sich die Mutter noch ein bisschen mehr anstrengt, denn eine Mutter, die nur noch funktioniert, verliert irgendwann den Zugang zu ihrer Freude, ihrer Neugier und ihren Bedürfnissen und kann ihrem Kind kaum vermitteln, dass das Leben außerhalb des Zimmers interessant und lebenswert ist. Jugendliche brauchen Erwachsene, die vorleben, dass man sich begeistern darf, dass Arbeit nicht das ganze Leben sein muss und dass man Freunde haben, Neues lernen, Fehler machen und sich selbst ernst nehmen kann, also Menschen, die selbst noch am Leben teilnehmen, auch wenn sie nicht perfekt sind.

Wenn der Jugendliche trotzdem nicht herauskommt

Ein Jugendlicher, der gern spielt, sich aber weiterhin mit Freunden trifft, zur Schule geht und grundsätzlich Freude am Leben hat, ist etwas anderes als ein junger Mensch, der seit Wochen kaum das Zimmer verlässt, die Schule verweigert, kaum schläft oder an nichts mehr Interesse zeigt. Rückzug hat viele Gründe, manchmal steckt Überforderung dahinter, manchmal Angst, depressive Beschwerden, Mobbing oder ein problematisches Verhältnis zum Gaming, und dann reichen neue Motivationstechniken womöglich nicht aus, weil der Jugendliche eine fachliche Abklärung und gegebenenfalls therapeutische Unterstützung braucht. Auch das gehört zu einem ehrlichen Umgang mit dem Thema, denn nicht alles, was nach Unlust aussieht, ist Unlust.

Einander wieder kennenlernen

Im Lauf der Jahre können sich Familien ein Stück weit aus den Augen verlieren, man lebt zusammen, organisiert denselben Alltag und bespricht unzählige praktische Dinge, weiß aber immer weniger darüber, was den anderen innerlich bewegt. Jugendliche verändern ihre Interessen, Gedanken und Vorstellungen vom Leben oft schneller, als Erwachsene mitkommen, und so reden Eltern manchmal noch mit dem Kind von vor drei Jahren, während inzwischen ein anderer Mensch vor ihnen sitzt, der eigene Überzeugungen entwickelt, Dinge hinterfragt, sich schämt, sich verliebt, sich sorgt und nach seinem Platz sucht. Dieser Mensch braucht womöglich weniger Erklärungen darüber, wie das Leben funktioniert, und mehr jemanden, der wissen möchte, wie er es gerade selbst sieht.

Für mich beginnt dort eine andere Form des Miteinanders, die mit der Bereitschaft anfängt, einander neu zu entdecken, wobei auch Eltern sich selbst wiederentdecken dürfen. Dafür darf sich vor allem unsere Denkart als Erwachsene verändern, denn am Ende geht es darum, eine Familie zu gestalten, in der alle miteinander leben können, ohne dass einer dabei verloren geht.

Wir können nicht erwarten, dass Jugendliche neugierig auf unsere Welt werden, wenn wir längst aufgehört haben, neugierig auf ihre zu sein.

Vielleicht sollten wir ihnen deshalb öfter zeigen, dass wir selbst noch Freude am Leben haben. Mehr zu meiner Sicht auf den Menschen findest du im Flussprinzip auf meiner Startseite.

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