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Wir leben in der geilsten Zeit der Welt, und fast niemand merkt es

Eine Zeitreise von der Kassette im Walkman bis zur künstlichen Intelligenz, und warum unser Gehirn gerade jetzt Schwerstarbeit leistet, die uns guttut

Ich bin 43 Jahre alt und glaube, dass ich gerade in der besten Zeit meines Lebens angekommen bin, ja mehr noch, dass wir alle in einer der spannendsten Epochen leben, die Menschen je erleben durften, auch wenn mir sofort jemand entgegenhält, dass Kriege, Inflation, verschwindende Arbeitsplätze und eine künstliche Intelligenz, die gerade alles auf den Kopf stellt, doch eher dagegen sprechen. Ich sehe das alles auch, und trotzdem nehme ich dich jetzt auf eine Zeitreise mit, an deren Ende du vermutlich feststellst, dass unser Leben ziemlich schwer zu übertreffen ist. Die Woodstock Generation hebt an dieser Stelle schmunzelnd die Hand, und ich gestehe ihr neidlos zu, dass sie es noch geiler hatte, drei Tage Musik, Schlamm und Freiheit, nur das Internet kam damals leider nicht mehr dazu.

Warum es so wichtig ist, genau jetzt darauf zu achten, beschreibt die Psychologie ziemlich eindrucksvoll. Unser Gehirn wurde über Jahrtausende darauf trainiert, Gefahren schneller zu bemerken als Gutes, was die Forschung Negativitätsneigung nennt, und alles Schöne, an das wir uns gewöhnen, verliert nach kurzer Zeit seinen Glanz, was als hedonische Anpassung bekannt ist. Wir halten Wunder deshalb schnell für selbstverständlich, während uns jede alarmierende Schlagzeile sofort packt. Dazu kommt, dass unser Gehirn Vorhersehbarkeit liebt, weil sie Kraft spart, und die Gegenwart nimmt uns genau diese Vorhersehbarkeit gerade ein Stück weit weg, wodurch wir Fähigkeiten entwickeln dürfen, die wir lange kaum gebraucht haben. Am Ende dieses Textes erzähle ich dir, was mir sechs Wochen mit einer Diagnose darüber beigebracht haben, doch zuerst packen wir die Kassetten aus.

Die Achtziger: Als die Welt bis zum nächsten Baum reichte

Ich bin 1983 geboren, und meine Kindheit bestand aus Dingen, die man heute erst einmal erklären müsste, zum Beispiel aus einem Baumhaus, das für mich ein unglaublicher Luxus war, mit ein paar Brettern, einem Baum, einer alten Decke und dem wunderbaren Gefühl, einen eigenen Platz auf der Welt zu besitzen. Wir verabredeten uns, ohne einander ständig erreichen zu können, wartete am vereinbarten Platz niemand, gingen wir nach einer Weile wieder heim, wollten wir etwas wissen, fragten wir jemanden, und war uns langweilig, mussten wir uns selbst etwas einfallen lassen.

Dann kam der Walkman, und wer einen hatte, weiß, wie besonders es war, die Lieblingsmusik überallhin mitnehmen zu können, auch wenn dafür eine Kunstfertigkeit nötig war, die heute niemand mehr beherrscht. Wollte man ein Lied aus dem Radio aufnehmen, saß man mit dem Finger über der Aufnahmetaste vor dem Gerät, wartete mit angehaltenem Atem, bis der Moderator endlich zu reden aufhörte, drückte im richtigen Moment und hoffte, dass er nicht in den ersten Takten doch noch dazwischenquatschte, was er mit beeindruckender Zuverlässigkeit tat. Jede Mixkassette war ein Kunstwerk aus Geduld, Stoppen, Zurückspulen und einem Titel, den man mit Kugelschreiber auf die Hülle schrieb, und blieb das Band einmal im Gerät hängen, wickelte man es mit einem Bleistift wieder auf, was man bis heute als Liebeserklärung an die Musik verstehen darf.

Telefoniert wurde am Festnetz mit Kabel, meistens im Flur und mit der gesamten Familie als Zuhörerschaft, die Telefonnummern der besten Freunde kannte man auswendig, und Fotos entstanden auf einem Film mit sechsunddreißig Bildern, von denen man erst nach Wochen erfuhr, dass auf der Hälfte ein Daumen zu sehen war. Heute habe ich auf meinem Handy Zugriff auf Millionen Lieder, damals konnte mich eine einzige Kassette tagelang glücklich machen. Ich glaube nicht, dass früher alles besser war, denn vieles war mühsamer, eingeschränkter und schwerer zugänglich, aber wir haben damals gelernt, mit wenig sehr viel anzufangen, und unser Glück hing nicht ständig davon ab, dass etwas Neues dazukam.

Währenddessen veränderte sich die große Welt gewaltig. Der Kalte Krieg bestimmte das Leben in Europa, die Angst vor einem Atomkrieg war real, 1986 erschütterte Tschernobyl das Vertrauen in die technische Sicherheit, und trotzdem ging das Leben weiter, bis 1989 die Berliner Mauer fiel und Menschen, die jahrzehntelang getrennt gewesen waren, plötzlich aufeinander zugehen konnten. Ich war sechs Jahre alt und habe die politische Tragweite natürlich nicht verstanden, heute finde ich diesen Moment unglaublich, weil er zeigt, was wir immer wieder vergessen: Selbst die mächtigsten Systeme sind nicht unveränderlich.

Die Neunziger: Die Welt wurde größer

In meiner Jugend wuchs Europa zusammen, Österreich trat 1995 der Europäischen Union bei, Grenzen verloren an Bedeutung, und Reisen, Arbeiten und Studieren in anderen Ländern wurden leichter. Gleichzeitig erlebten wir die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, und plötzlich saßen Kinder in unseren Klassenzimmern, deren Lebensgeschichten ganz anders waren als unsere, was nichts schönredet, denn Krieg ist keine Bereicherung, doch aus diesen Begegnungen entstand ein größerer Blick auf andere Sprachen, Familiengeschichten und Vorstellungen vom Zusammenleben.

Dann kam das Internet, und ich erinnere mich an eine Zeit, in der es aufregend war, überhaupt online gehen zu können. Der Computer stand irgendwo im Haus, die Einwahl begleitete ein Pfeifen und Knacken, das jeder aus meiner Generation im Schlaf nachmachen könnte, und wer im Netz war, blockierte das Telefon für alle anderen. Dann folgten Mails, die ersten Chats, Suchmaschinen und Webseiten, und plötzlich musste man nicht mehr in einer Großstadt leben, um an Wissen zu kommen, das früher nur wenigen offenstand. Mein Tamagotchi habe ich in dieser Zeit mehrfach beerdigt, was ich bis heute als Charakterschule betrachte.

Die Zweitausender: Plötzlich schien alles möglich

Es kamen der Euro, Handys, die erst kleiner und später wieder größer wurden, und die ersten Smartphones, mit denen wir von unterwegs arbeiten, schreiben, fotografieren und Menschen am anderen Ende der Welt erreichen konnten. Wirtschaftlich erlebten viele Menschen in Europa Jahre des Aufschwungs, es wurde gebaut, gekauft und investiert, und Eigentum galt für viele als Zeichen dafür, dass man es geschafft hatte. Wir waren eine Leistungsgesellschaft, in der das Leben wie eine Abfolge von Schritten erschien, bei denen man möglichst wenig falsch machen durfte: Lernst du das Richtige, bekommst du einen guten Job, bist du fleißig, wirst du erfolgreich, sparst du, bist du abgesichert, und planst du alles ordentlich, wird schon nichts passieren.

Dann kam 2008, und die Finanzkrise erschütterte unser Vertrauen in genau diese Selbstverständlichkeiten, weil selbst große Banken ins Wanken gerieten und Menschen Geld, Arbeitsplätze oder ihre Sicherheit verloren. Danach machten wir weiter, bauten Unternehmen auf, suchten neue Wege, und weil die Zinsen über Jahre extrem niedrig blieben, entstand wieder ein Gefühl von Möglichkeiten, obwohl wir gerade erlebt hatten, wie schnell sich scheinbare Sicherheit verändern kann.

2020 stand die Welt plötzlich still, und ich erinnere mich gut an dieses eigenartige Gefühl, als Dinge nicht mehr möglich waren, die unser ganzes Leben lang selbstverständlich gewesen waren. Menschen durften sich zeitweise nicht besuchen, Schulen stellten um, Unternehmen fanden innerhalb weniger Wochen Wege, die man ihnen vorher nie zugetraut hätte, und wir lernten nebenbei, dass ein digitales Gespräch eine echte Umarmung nicht ersetzen kann. Dennoch haben wir erlebt, wie schnell wir Dinge verändern können, wenn wir müssen, und das finde ich bemerkenswert.

Heute: Die Zeit, in der Wissen nur Sekunden entfernt ist

Seit 2022 herrscht wieder Krieg in Europa, die Energiepreise stiegen, die Inflation zog an, und Kredite, die kurz zuvor noch beinahe geschenkt waren, wurden zu einer enormen Belastung, weshalb viele Menschen neu rechnen mussten. Gleichzeitig begann künstliche Intelligenz, unseren Arbeitsalltag grundlegend zu verändern, und Berufe, die vor wenigen Jahren als sicher galten, entwickeln sich in Richtungen, die wir noch gar nicht vollständig absehen können. Das birgt Risiken für Arbeitsplätze, Datenschutz und unsere Fähigkeit, selbstständig zu denken, doch ich kann heute von meinem Schreibtisch aus mit Menschen in anderen Ländern zusammenarbeiten, Wissen recherchieren und Ideen umsetzen, für die ich früher ein ganzes Team gebraucht hätte, und ich habe richtig Lust darauf, herauszufinden, was daraus wird.

Wenn ich heute Gespräche über Deutschland, Österreich und die Schweiz höre, fällt mir auf, wie selbstverständlich wir über alles reden, was nicht funktioniert, und es gibt erhebliche Probleme, die wir nicht schönreden sollten. Zur Wahrheit gehört aber ebenso, was nach Krieg, Teilung und einer schweren Vergangenheit aufgebaut wurde, nämlich demokratische Institutionen, Rechtsstaat, Ausbildungsmöglichkeiten, soziale Sicherungssysteme, eine medizinische Versorgung, die im historischen Vergleich Außergewöhnliches leistet, dazu Wissenschaft, Kultur und viele Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten. Wir sind nicht unverwundbar, aber wir haben Erfahrung darin, nach schweren Umbrüchen wieder etwas aufzubauen, und darauf dürfen wir mit Dankbarkeit und Verantwortung schauen.

Warum uns die Unsicherheit gerade guttut

Unser Gehirn liebt es, Zusammenhänge zu erkennen, denn wer ungefähr weiß, was als Nächstes passiert, muss weniger Unsicherheit verarbeiten, und vertraute Abläufe schenken Orientierung und das Gefühl von Kontrolle, was grundsätzlich sinnvoll ist. Problematisch wird es erst, wenn wir Sicherheit mit Unveränderlichkeit verwechseln, also glauben, ein einmal eingeschlagener Weg müsse für immer der richtige bleiben, oder an einem Leben festhalten, das uns längst nicht mehr entspricht, nur weil wir uns darin auskennen. Heute wissen wir nicht, welche Berufe es in zwanzig Jahren geben wird oder welche Technologien unser Leben verändern, und genau darin liegt eine große Chance, wobei ich ehrlich dazusagen möchte, dass dauerhafte finanzielle Not oder existenzielle Angst Menschen nicht freier machen, sondern schwer belasten können.

Dort aber, wo wir Gestaltungsspielraum haben, setzt die Begegnung mit dem Unbekannten etwas in Bewegung, denn wir finden neue Wege, entdecken Fähigkeiten, die wir kaum gebraucht haben, hinterfragen, was wir jahrelang für selbstverständlich hielten, und erkennen manchmal erst im Rückblick, dass der Verlust einer alten Sicherheit der Beginn eines Lebens war, das viel besser zu uns passt. Für mich fühlt sich unsere Zeit deshalb wie eine große Pendelbewegung an, denn nach Jahrzehnten, in denen wir uns stark nach außen orientiert haben, werden wir gerade wieder eingeladen, nach innen zu schauen, weil Besitz allein uns nicht sagen kann, wer wir sind.

Sechs Wochen, die alles verändert haben

Ich bekam einmal eine Diagnose, die ich als Todesurteil verstand, und sechs Wochen lang lebte ich in der Überzeugung, dass mein Leben zu Ende geht. Plötzlich war ein Morgen nicht mehr einfach ein weiterer Morgen, ich blieb stehen, wenn ich Blumen roch, und nahm wahr, wie wunderbar es ist, dass etwas blüht und ich es überhaupt riechen kann, ich hörte in Gesprächen genauer hin, bemerkte, wie jemand lachte und wie sich seine Stimme veränderte, wenn er von etwas erzählte, das ihm wichtig war. Wertvoll wurden dabei nicht die großen Dinge, sondern der gewöhnliche Alltag mit einer Tasse Kaffee, frischer Luft, Sonne auf der Haut und einem Gespräch, bei dem man vergisst, auf die Uhr zu schauen.

Zwischen Wissen und wirklichem Begreifen liegt manchmal ein ganzes Leben, und ich habe es in diesen sechs Wochen auf eine Weise begriffen, die ich niemandem wünsche und für die ich heute trotzdem dankbar bin: Ein einziger Tag ist unglaublich viel Leben. An einem Tag kannst du jemanden kennenlernen, der deine ganze Zukunft verändert, dich mit einem Menschen versöhnen, etwas verstehen, wofür du jahrelang keine Worte hattest, oder einfach in einem Garten sitzen und den Blumen beim Blühen zusehen, und doch verbringen wir so viele Tage damit, auf den nächsten Urlaub, mehr Geld, den richtigen Partner oder die Pension zu warten.

Ich habe in meinem Leben viel aufgebaut und später vieles von dem verloren, was ich für meinen Besitz, meine Sicherheit und einen wichtigen Teil meiner Identität gehalten hatte, und trotzdem bin ich heute glücklicher als je zuvor. Ich halte nichts davon, Armut zu romantisieren, finanzielle Sicherheit ist wichtig, nur bildet sie für mich nicht mehr die Grundlage meines Wertes, und so habe ich begonnen, mir etwas aufzubauen, das man mir nicht so leicht wegnehmen kann: Ich habe in mir selbst mein Königreich geschaffen, einen inneren Ort, an dem ich mich kenne, mit mir leben kann, auch wenn nicht alles nach Plan läuft, und neugierig auf mein eigenes Leben bin.

Willkommen in der geilsten Zeit

Ich habe ein Baumhaus erlebt und das Internet kommen sehen, meine Musik auf Kassetten gehört und kann heute mit wenigen Worten auf das Wissen der ganzen Welt zugreifen, ich habe Geld verdient und verloren, Menschen geliebt, Fehler gemacht und geglaubt, dass ich sterben werde, und ich bin noch da. Wenn ich all das zusammennehme, wünsche ich mir mein früheres Leben nicht zurück, ich bin froh über das, was war, und möchte immer wieder entdecken, was noch kommt, auf die Menschen, denen ich begegnen werde, auf die Gespräche, die ich noch führen darf, und auf Ideen, die heute noch gar nicht in meinem Kopf existieren.

Ich wünsche mir, dass wir wieder ein bisschen mehr staunen, über das, was wir Menschen geschaffen haben, über medizinische Fortschritte, über die Möglichkeit, mit jemandem auf einem anderen Kontinent zu sprechen, als säße er neben uns, und genauso über einen Baum, einen Duft im Frühling, ein lachendes Kind oder einen Menschen, der sich zu uns an den Tisch setzt und wirklich wissen möchte, wie es uns geht. Ich wünsche mir, dass wir uns für das Leben interessieren, bevor wir glauben, es bald zu verlieren, und dass wir aufhören, uns gegenseitig ständig Angst vor der Zukunft zu machen, denn Angst allein hat noch nie ausgereicht, um ein gutes Leben zu gestalten.

Das Leben muss nicht erst vollkommen sicher sein, damit es wunderbar sein darf.

Wir dürfen wieder lernen, mit dem Leben zu leben, statt ständig zu versuchen, es vollständig zu kontrollieren, und ich habe richtig Lust darauf.

Die Welt verändert sich, und wir könnten noch richtig Freude daran haben.

Willkommen in der Omnitologie. Ein Ort für Menschen, die noch lange nicht fertig sind mit dem Leben.

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