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Die Omnitologie interessiert sich ziemlich wenig für deine Vergangenheit, und das hat einen guten Grund

Wie viel Prozent deines Lebens verbringst du in der Gegenwart, wie viel in der Vergangenheit und wie viel in der Zukunft?

Bevor du weiterliest, rechne bitte kurz nach: Wie viel Prozent deiner Gedanken gehören heute der Gegenwart, wie viel der Vergangenheit und wie viel der Zukunft? Behalte deine Zahlen im Kopf, denn du begegnest in diesem Text einer alten, weisen Frau, du erfährst, warum ich in der Omnitologie so gern in die Zukunft reise, und du liest von einer Frau, die keine Lust mehr hatte, sich ständig selbst zu bearbeiten, bis sie ihrem älteren Ich begegnete und über dessen Falten so herzlich lachen musste, dass sie sich darin überraschend gut gefiel.

Die Prozentrechnung

Mir fällt seit Jahren etwas auf, und es ist ein bisschen unbequem: Menschen, die ewig an sich arbeiten, sitzen bei dieser Rechnung meistens ziemlich weit in der Vergangenheit. Sie haben Seminare besucht, Bücher gelesen, Aufstellungen erlebt, Therapien begonnen und ihr inneres Kind zum Tee eingeladen, sie kennen ihre Muster so gut, dass sie diese beim Vornamen nennen, und manche haben im Lauf der Jahre Summen ausgegeben, für die man ein Haus anzahlen könnte, nur um irgendwann endlich genug zu sein. Dabei geht es immer wieder um dieselbe Zeit, um die Kindheit, die Beziehung, das Ereignis, und wenn man das Trauma bearbeitet hat, kommt das Trauma hinter dem Trauma, und dahinter wartet das Trauma des Traumas des Traumas, wie bei einer Matroschka, bei der man immer eine kleinere Figur aufschraubt und sich irgendwann fragt, ob in der letzten überhaupt noch jemand wohnt.

In der Omnitologie gehen wir da komplett anders heran. Wir interessieren uns für deine Vergangenheit im Vergleich zu anderen Ansätzen ziemlich wenig, und ich finde, das hat etwas Komisches, wenn man bedenkt, wie viel Ernst wir gewöhnlich in jede Kindheitserinnerung legen. Nach meiner Erfahrung ist der omnitologische Ansatz sehr effektiv, und er braucht dafür kein Aufarbeiten, ich weiß, dass das anders ist als das, was man gewohnt ist, aber das ist einfach die Omnitologie. Warum das funktioniert, erkläre ich dir gleich, zuerst möchte ich dir von einer Frau erzählen.

Die Frau, die genug hatte

Letztens saß mir eine Frau ungefähr in meinem Alter gegenüber, die keine Lust mehr hatte, noch irgendetwas an sich zu verändern. Sie hatte sich lange mit sich beschäftigt, Zusammenhänge verstanden, ihre Vergangenheit angeschaut und wollte irgendwann einfach leben, ohne sich dabei ständig selbst zu bearbeiten. Ich konnte sie gut verstehen, denn es gibt eine Müdigkeit, die entsteht, wenn man sich über lange Zeit vor allem als Baustelle betrachtet, ähnlich einer Dauerbaustelle auf der Autobahn, mit vielen Schildern, ein paar Bauarbeitern und keinem einzigen fließenden Verkehr. Man kennt seine Muster, weiß, woher manche Reaktionen stammen, kann die eigene Geschichte mittlerweile in drei Sätzen oder auf Wunsch als Vortrag erklären, und steht trotzdem morgens auf und fragt sich, wie es jetzt weitergehen soll.

Was das innere Kind kann

Früher habe ich viel mit dem inneren Kind gearbeitet, mit dem kleinen Ich, das bestimmte Erfahrungen gemacht hat und in manchen Situationen noch immer mitredet, und das war oft hilfreich, um sich der Vergangenheit anzunähern und überhaupt wieder einen liebevollen Zugang zu sich zu finden. Erst über dieses Bild fällt manchem Erwachsenen auf, wie hart er mit sich umgeht, denn was man einem Kind niemals sagen würde, sagt man sich selbst jeden Tag, oft schon vor dem ersten Kaffee. Diese Arbeit hat für mich weiterhin ihren Platz, mittlerweile begegnet mir allerdings öfter eine andere Frage: Wie möchte ich von hier aus weiterleben?

Unsere Zeit verändert sich schnell, vieles, worauf sich Menschen verlassen haben, ist unsicher geworden, wir sollen Entscheidungen treffen, während sich die Bedingungen schon wieder verschieben, und gleichzeitig versuchen wir, mit unserem ganz gewöhnlichen Leben zurechtzukommen, mit Beziehungen, Arbeit, Geld, Familie, Körper und Zukunft. Da hilft mir der Blick nach vorne, und deshalb arbeite ich in der Omnitologie mit einer Übung, die ich „das weise Ich“ nenne, wobei weise hier im Sinne von Lebenswissen gemeint ist und nicht im Sinne eines Rauschebarts auf dem Berggipfel.

Das weise Ich

Bei dieser Übung begegnet man in der Vorstellung dem eigenen älteren Ich, einer möglichen Version von sich, die schon weitergelebt hat und mit etwas Abstand auf die heutige Situation schaut. Diese Perspektive hat gerade jetzt oft mehr Aussagekraft als der erneute Blick zurück, weil sie eine andere Frage ins Gespräch bringt: Was würde ich mir raten, wenn ich mich nicht mitten aus meiner Sorge heraus betrachten müsste? Das ältere Ich kennt die Zukunft natürlich nicht, es ist eine innere Vorstellung, doch aus ihr heraus lassen sich Gedanken zulassen, die im alltäglichen Grübeln kaum Platz bekommen, die eigenen Werte werden deutlicher, und Erfahrung, die man längst gesammelt hat, bekommt wieder Gewicht. Wer mit dem Kopf zu siebzig Prozent in der Vergangenheit steckt, bekommt hier einen sanften Anstoß, ein paar Prozent nach vorne zu verschieben.

Ein Fundament aus Ehrlichkeit

Mit der Frau wollte ich genau dort ansetzen. Ich hatte verstanden, dass sie genug davon hatte, immer wieder beim nächsten ungelösten Thema anzukommen, und in der Omnitologie geht es mir darum, ein gutes, möglichst unbelastetes Fundament zu schaffen, auf dem ein Mensch weiterleben kann, ohne jede Erinnerung bis ins letzte Detail durchgearbeitet zu haben. Dieses Fundament entsteht für mich aus Ehrlichkeit: Was ist mir wichtig, was gehört tatsächlich zu meiner Verantwortung, wo gehe ich ständig über mich hinweg, welche Erwartungen habe ich übernommen, obwohl sie gar nicht zu mir passen, wem vertraue ich, und was brauche ich, um mit meinen Entscheidungen leben zu können? Ein reines Fundament meint dabei keine Fehlerlosigkeit, denn ein Mensch darf Widersprüche haben, eine schwierige Geschichte und offene Fragen, mir geht es um einen Boden, der nicht ständig von Selbsttäuschung, fremden Erwartungen oder der eigenen Härte untergraben wird. Wer sein Fundament dagegen ständig nachbetoniert, wohnt irgendwann im Keller und wundert sich, warum es dort kein Licht gibt.

Manche Erfahrungen brauchen gezielte therapeutische Bearbeitung, das lässt sich nicht pauschal entscheiden, doch ich möchte niemandem vermitteln, er müsse erst vollständig aufgearbeitet sein, bevor er sich ein gutes Leben erlauben darf. Hier liegt für mich das Besondere am omnitologischen Arbeiten, denn ich verbinde psychologische Fragen mit Ethik und mit der Wirklichkeit, in der wir heute leben, wir beschäftigen uns damit, was einen Menschen geprägt hat, und ebenso damit, wie er heute handeln möchte, was er für richtig hält, wofür er Verantwortung übernehmen will, welche Veränderungen anstehen und was bleiben darf.

Der Moment mit den Falten

Wir machten also die Übung mit dem weisen Ich, die Frau stellte sich vor, ihrem älteren Selbst zu begegnen, nahm sich Zeit, diese Frau wahrzunehmen, und sprach mit ihr über das, was sie heute beschäftigte, und dann fing sie an zu lachen. Sie hatte die Falten im Gesicht ihres älteren Ichs entdeckt und war begeistert, denn diese Frau sah richtig gut aus, mit Falten, die wirkten, als hätte jemand ein Leben lang gelacht und das Gesicht beschlossen, ein Archiv anzulegen. Sie mochte diese ältere Frau und war überrascht, wie gut ihr das eigene ältere Ich gefiel, und ich fand den Moment wunderschön, weil da jemand saß, der zu Beginn kaum noch Lust auf Veränderung gehabt hatte und sich plötzlich über eine mögliche Version seiner Zukunft freute, wobei die Falten offenbar überhaupt nicht störten, sie gehörten dazu wie das Salz zur Suppe.

Aus dieser Begegnung entstand für sie auch eine Antwort auf ihre heutige Situation, ihr älteres Ich gab ihr Orientierung, was sie tun wollte und was sich für sie richtig anfühlte, und die konkrete Antwort bleibt bei ihr, weil sie zu ihrem persönlichen Gespräch gehört, wichtig für diesen Text ist ihre Bedeutung. Zum ersten Mal konnte sie empfinden: Es wird gut werden. Die Zukunft bekam ein Gesicht, ihr eigenes, und sie war von dieser Frau begeistert.

Für sie war das in diesem Moment wichtiger und hilfreicher als vieles, was sie zuvor in Therapiesitzungen erlebt hatte, die übrigens nicht bei mir stattfanden, was ich an dieser Stelle gern festhalte, damit niemand glaubt, ich hätte mir selbst ein Lob geschrieben. Ihre Erfahrung ist kein allgemeines Urteil über Therapie, denn die frühere Arbeit hat womöglich sogar mit vorbereitet, dass diese Begegnung jetzt möglich wurde, doch an diesem Tag erreichte sie etwas, das sie offenbar gebraucht hatte: Vertrauen in ihr eigenes Weiterleben.

Was „Es wird gut werden“ bedeuten kann

Dieses „Es wird gut werden“ muss kein Versprechen sein, dass künftig alles leicht wird, für mich kann es bedeuten, dass ich Entscheidungen treffen kann, dass ich Unterstützung annehmen kann und dass ich nicht heute schon wissen muss, wie jeder Abschnitt meines Lebens aussieht. Manchmal fehlt uns genau das, wir versuchen, erst genügend Sicherheit herzustellen, bevor wir uns bewegen, wir denken weiter nach, holen Meinungen ein, prüfen noch einmal, dabei kennen wir einen Teil unserer Antwort womöglich schon und trauen ihm nur nicht.

Das weise Ich kann helfen, dieser eigenen Urteilskraft näherzukommen, mit Fragen wie diesen: Was würde ich mir raten, wenn ich mich mit etwas mehr Abstand und Wohlwollen betrachten könnte, welche Sorge würde ich ernst nehmen, was würde ich nicht länger vertagen, und welche Entscheidung könnte ich später mittragen, auch wenn sie heute Mut braucht? Wer es ausprobieren möchte, setzt sich heute Abend mit einem Tee hin, rechnet seine Prozente noch einmal durch, schließt die Augen, stellt sich seine eigene Version in zwanzig Jahren vor und achtet auf zwei Dinge, nämlich darauf, wie sie schaut, und darauf, was sie zu sagen hat, und wer dabei über die eigenen Falten lacht, ist auf einem guten Weg.

Neue Zeiten, neue Wege

Neue Zeiten erfordern für mich neue Ansätze, weil sich auch die Fragen verändern, mit denen Menschen zu uns kommen, bewährte Arbeit darf bleiben, gleichzeitig braucht es die Aufmerksamkeit, zu erkennen, wann jemand etwas anderes benötigt, und diese Frau brauchte an diesem Tag eine Begegnung, die ihr Lust auf ihre Zukunft machte. Ich werde ihr Lachen nicht so schnell vergessen, wie sie ihre Falten entdeckte, sich selbst darin gefiel und aus einer zunächst müden Haltung Interesse wurde.

Manchmal müssen wir uns erst vorstellen können, dass wir auch später gern wir selbst sein werden, und bei ihr begann das mit einem Gesicht, das älter war als ihres, und mit der Freude darüber, dieser Frau eines Tages näherzukommen. Sie hatte keine Lust mehr gehabt, ständig etwas an sich zu verändern, und fand an diesem Tag ihre eigene Antwort darauf, wie sie weiterleben wollte, und damit konnten wir arbeiten.

Zum Schluss noch einmal die Frage vom Anfang: Wie viel Prozent lebst du in der Gegenwart, wie viel in der Vergangenheit und wie viel in der Zukunft, und wo würdest du dir wünschen, dass deine Zahlen in einem Jahr stehen?

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