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Omnitologisch betrachtet: Warum Menschen Dinge behalten, die sie längst nicht mehr brauchen
Es gibt Dinge, von denen wir genau wissen, dass wir sie nicht mehr brauchen, trotzdem bleiben sie jahrelang bei uns. Eine Jacke hängt seit Ewigkeiten im Schrank. Ein Karton steht seit dem letzten Umzug im Keller. Alte Briefe, Fotos, Geschenke, Unterlagen, Erinnerungsstücke. Oft wissen wir nicht einmal mehr genau, warum wir etwas aufheben, weggeben fühlt sich trotzdem falsch an.
Omnitologisch betrachtet ist das spannend, weil wir nicht nur Gegenstände besitzen, sondern mit ihnen auch Erinnerungen, Rollen, Beziehungen und frühere Versionen von uns selbst verbinden. Manchmal steht die Vergangenheit nicht nur im Kopf, sondern im Schrank, im Keller, auf Regalen und in Schubladen.
Wie viel deines Lebens findet wirklich im Heute statt?
Stell dir dein Leben einmal als hundert Prozent vor. Wie viel davon lebt in der Vergangenheit, wie viel ist wirklich im Heute und wie viel ist schon in einer Zukunft, die noch gar nicht da ist? Vielleicht kommst du auf vierzig Prozent Vergangenheit, zwanzig Prozent Gegenwart und vierzig Prozent Zukunft. Die Zahl muss nicht exakt sein, entscheidend ist, wohin deine Aufmerksamkeit meistens wandert.
Wer stark in der Vergangenheit lebt, hängt oft noch an Gesprächen, Beziehungen, Verletzungen, Entscheidungen oder alten Rollen. Wer stark in der Zukunft lebt, denkt ständig an das nächste Ziel, die nächste Veränderung, die nächste Version des eigenen Lebens. Die Gegenwart liegt dazwischen und genau dort findet dein tatsächliches Leben statt.
Omnitologisch zu leben bedeutet deshalb nicht, Vergangenheit oder Zukunft auszublenden, sondern beidem einen Platz zu geben, damit das Heute wieder größer werden kann.
Warum wir Erinnerungen an Gegenstände koppeln
Psychologisch ist es vollkommen nachvollziehbar, dass Dinge Bedeutung bekommen. Ein Kleid erinnert an einen bestimmten Menschen, eine Tasse an eine Wohnung, ein Brief an eine Beziehung, ein Möbelstück an eine Lebensphase. Unser Gehirn verknüpft Erlebnisse mit Bildern, Gerüchen, Orten und Gegenständen, deshalb kann ein Objekt innerhalb von Sekunden eine ganze Erinnerung wieder aufrufen.
Schwierig wird es dort, wo wir etwas nicht mehr behalten, weil wir es mögen oder brauchen, sondern weil wir das Gefühl haben, mit dem Gegenstand auch einen Teil unserer Geschichte wegzugeben. Dann lautet die eigentliche Frage nicht mehr, ob wir das noch brauchen, sondern was wir verlieren, wenn wir es weggeben. Manchmal ist die Antwort überraschend: eine alte Rolle, eine Beziehung, eine Hoffnung, eine Version von uns selbst, die längst vorbei ist.
Unordnung kann mit offenen Entscheidungen zu tun haben
Natürlich ist nicht jede unordentliche Wohnung psychologisch aufgeladen. Manchmal fehlt Zeit, manchmal fehlt Platz, manchmal ist einfach viel los. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn viele Dinge liegen herum, weil noch keine klare Entscheidung getroffen wurde. Soll ich das behalten, soll ich das verkaufen, brauche ich diese Unterlagen noch, will ich mich wirklich davon trennen?
Genau dasselbe passiert im Kopf. Ein Gespräch ist nicht abgeschlossen, eine Beziehung ist vorbei, wird innerlich aber weitergeführt, eine Entscheidung bleibt seit Monaten offen, eine Enttäuschung taucht immer wieder auf.
Ich sehe solche Themen wie offene Tabs. Ein Tab stört kaum, dreißig offene Tabs kosten Aufmerksamkeit. Genau so kann sich Vergangenheit im Alltag bemerkbar machen, nicht immer laut, oft eher unterschwellig.
Vision Boards schauen nach vorne, Emotionsboards schauen zurück
Viele Menschen erstellen Vision Boards. Sie sammeln Bilder davon, wie sie wohnen möchten, wo sie hinreisen wollen, wie sie arbeiten oder leben möchten. Omnitologisch kann es sinnvoll sein, davor in eine andere Richtung zu schauen und sich zu fragen, was eigentlich noch nicht abgeschlossen ist. Dafür gibt es das Emotionsboard.
Auf einem Emotionsboard sammelst du Themen, Menschen, Lebensphasen und Situationen aus deiner Vergangenheit, die innerlich noch Raum einnehmen. Das können schöne Erinnerungen sein, es können aber genauso Enttäuschungen sein, Beziehungen, Verluste, offene Gespräche, Familiengeschichten, Entscheidungen oder Lebensabschnitte. Das Ziel ist nicht, ständig in der Vergangenheit zu leben, sondern sichtbar zu machen, was ohnehin im Hintergrund mitläuft. Erst wenn Dinge einen Platz bekommen, können sie ruhiger werden.
Fünfzehn Minuten am Tag reichen
Du brauchst dafür keinen ganzen Nachmittag, fünfzehn Minuten reichen. Schreib ein Thema auf dein Emotionsboard, eine Person, eine Situation, eine Erinnerung. Frag dich dabei, was damals passiert ist, was davon dich heute noch beschäftigt und was davon wirklich in der Vergangenheit bleiben darf.
Manchmal entsteht daraus eine konkrete Entscheidung. Du wirfst etwas weg, du räumst eine Schublade aus, du schreibst einen Gedanken auf, du merkst, dass ein Gegenstand nicht mehr zu deinem heutigen Leben gehört. So entsteht nach und nach mehr Platz, im Raum, im Kopf, im Alltag.
Ein kleiner Selbstcheck
Verteile spontan hundert Prozent auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Schau danach durch deine Wohnung und frag dich, welche Dinge wirklich zu deinem heutigen Leben gehören, welche Dinge zu einer Vergangenheit gehören, die noch sichtbar um dich herum steht und welche Dinge zu einer Zukunft gehören, für die du schon jetzt ständig lebst.
Vielleicht musst du gar nicht dein ganzes Leben verändern. Vielleicht reicht es, heute einen offenen Tab zu schließen, einen Gegenstand loszulassen, eine Entscheidung zu treffen. Omnitologische Einfachheit beginnt dort, wo Vergangenheit ihren Platz bekommt, Zukunft nicht ständig vorgezogen wird und wieder mehr Raum für das entsteht, was tatsächlich da ist: dein heutiges Leben.