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Was können wir noch alles tragen?

Wenn ich mir das Leben von uns Erwachsenen ansehe, denke ich oft, wie viel uns zugemutet wird und wie viel wir uns inzwischen selbst zumuten, ohne es überhaupt noch zu bemerken.

Ein Alltag, der nie ganz aufhört

Nachrichten über Kriege, Gewalt und Katastrophen aus der ganzen Welt erreichen uns direkt auf dem Handy, beim Frühstück, an der Bushaltestelle oder spät am Abend, wenn wir eigentlich schon schlafen wollten, und dazwischen begegnen uns Menschen, die erfolgreicher, schöner, sportlicher und scheinbar auch noch entspannter wirken als wir selbst. Gleichzeitig sollen wir eine gute Mutter, eine aufmerksame Partnerin, eine verlässliche Tochter, eine tolle Chefin, eine verständnisvolle Freundin und eine engagierte Kollegin sein, den Haushalt führen, Geld verdienen, Angehörige unterstützen, gesund kochen und auf uns selbst achten, am besten alles gleichzeitig und mit einem freundlichen Gesicht.

Wir sind auf der Toilette erreichbar, im Bett und mitten im Gespräch mit einem Menschen, der uns wichtig ist, und selbst wenn das Handy still bleibt, schauen wir manchmal nach, weil uns vielleicht jemand braucht oder wir etwas vergessen haben. Das Traurige daran ist, dass uns vieles davon gar nicht mehr auffällt.

Wie sich das Normale verschiebt

Was regelmäßig geschieht, wirkt vertraut, denn wir gewöhnen uns an Abläufe und Erwartungen und richten unser Verhalten danach aus. Die erste berufliche Nachricht am Abend hat uns vielleicht noch geärgert, irgendwann beantworten wir sie zwischen Abendessen und Zähneputzen, und später fühlt es sich unangenehm an, sie bis zum nächsten Morgen liegen zu lassen. So verschiebt sich unsere Vorstellung davon, was normal ist, während eine zusätzliche Aufgabe, eine weitere Zuständigkeit und ein neuer Kanal, auf dem wir erreichbar sind, dazukommen, und wir wachsen so selbstverständlich hinein, dass wir erst an unserer Erschöpfung merken, wie viel sich verändert hat.

Die Arbeitspsychologie hat diese Entwicklung genau untersucht. Für den inneren Druck, auf berufliche Nachrichten sofort zu antworten, hat sich der Begriff Telepressure etabliert, und Studien von Larissa Barber und Alecia Santuzzi (2015) bringen ihn mit schlechterem Schlaf, mehr Erschöpfung und weniger Erholung in Verbindung.

Ich verstehe, wenn du sagst, das sei eben unser Leben jetzt, nur muss auch dieser Alltag von einem Körper getragen werden.

Was unser Körper mitbringt

Unsere biologische Ausstattung hat eine lange Geschichte, und in unseren Genen liegen Grundlagen dafür, wie sich der Körper entwickelt und funktioniert, während Erfahrungen und Lebensbedingungen mitprägen, wie wir reagieren. Wir sind lernfähig und können uns an Neues anpassen, doch Anpassung bedeutet nicht, dass wir unbegrenzt belastbar werden. Der Neurowissenschaftler Bruce McEwen hat dafür den Begriff der allostatischen Last geprägt, der beschreibt, dass dauerhafte Anpassung an Belastung den Körper auf Dauer etwas kostet, auch wenn man sich längst daran gewöhnt hat.

„Der Körper braucht weiterhin Schlaf, Nahrung, Bewegung und Erholung, und er reagiert auf Druck, Konflikte und Unsicherheit, auch wenn wir sie nebenbei aushalten“.

Zum Nervensystem gehört der Vagusnerv, der das Gehirn mit verschiedenen inneren Organen verbindet und unter anderem an der Steuerung von Herzschlag und Verdauung beteiligt ist. Er zählt zu dem Teil unseres Nervensystems, der Erholung und körperliche Ruhe unterstützt, bleibt aber ein Baustein unter vielen und ist kein einzelner Schalter, der unser ganzes Leben freigibt oder blockiert.

Wenn Müdigkeit ihre Gründe hat

Was uns belastet, ist oft sehr alltäglich, nämlich zu wenig Schlaf, ständige Unterbrechungen, Lärm, finanzielle Sorgen, Konflikte, fehlende Bewegung und das Gefühl, mit allem allein zu sein, wozu ein Anspruch kommt, der kaum noch Feierabend kennt. Wir möchten in der Arbeit, in unseren Beziehungen, als Eltern und am besten auch in der Freizeit glänzen, und sogar die Erholung soll gelingen, denn wir sollen abschalten, Kraft tanken und danach wieder voll einsatzfähig sein.

Dann wundern wir uns, dass wir müde sind, gereizt reagieren, nachts wach liegen oder an einem freien Nachmittag keine Kraft für etwas Schönes haben.

Zwischen Wissen und Handeln

Auf meiner Liege liegen Menschen, die nicht mehr können, und ich freue mich, dass sie sich diese Zeit nehmen, ihre Erschöpfung ernst nehmen und Unterstützung zulassen. Viele wissen längst, was ihnen guttun würde, sie möchten Grenzen setzen, weniger erreichbar sein, mehr schlafen und nicht jede Verantwortung übernehmen, und trotzdem sagen sie wieder Ja, obwohl sie Nein meinen, beantworten die Nachricht und verschieben ihre Pause.

Zwischen Wissen und Handeln

liegt manchmal eine ganze Lebensgeschichte mit der Angst, jemanden zu enttäuschen, der Gewohnheit, gebraucht zu werden, und der Sorge, was passiert, wenn man eine Aufgabe abgibt, und manchmal fehlt schlicht die Kraft, eine Veränderung anzufangen. Deshalb braucht Veränderung mehr als einen guten Vorsatz, nämlich Bedingungen, unter denen etwas anderes möglich wird: Entlastung, Unterstützung, wiederholte Erfahrungen und Zeit.

Eine Pause, die dir gehört

Bioelektrik ist eines meiner Angebote für Menschen, die sich eine solche Pause nehmen möchten. Du kommst in meine Praxis, legst dich hin und musst für diese Zeit nichts organisieren, und wir schauen gemeinsam, was dich beschäftigt und was du gerade brauchst. Für mich gehören Hinlegen, Integrieren und Verändern zusammen, also innezuhalten, wahrzunehmen, was längst zu viel geworden ist, und dem, was du erkannt hast, im Alltag einen Platz zu geben.

Die Welt wird sich weiter verändern, und wir dürfen mit ihr gehen und dabei unsere menschlichen Bedürfnisse ernst nehmen. Vielleicht beginnt Veränderung mit einem Satz, den du dir bisher kaum erlaubt hast: „Ich kann viel tragen, aber das hier ist mir zu viel.“

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